Abb. 10. Randstück einer Polypenkolonie (Hydractinia) auf einem Schneckenhause. Vorne gekrümmte Wehrpolypen, dahinter und an den Skelettstacheln Freßpolypen. Stark vergrößert. Unter Benutzung eines Originals von Stechow in Hesse-Doflein, Tierbau und Tierleben. Bd. II.

Bei den Nixengärtchen der Podocoryne und Hydractinia tritt die Anordnung der Kolonie ausgesprochen vom eigenen Schutz zum Krebsschutz über ([Abb. 9] u. [10]). Jene besonderen kapselgespickten Wehrpolypen, die hier die Akontien der Einzelrose gleichsam genossenschaftlich mit ganzer Person wiederholen, setzen sich nämlich sämtlich genau über den oberen offenen Rand der Schneckenhöhle, also sozusagen auf die Logenbrüstung unmittelbar über dem Parkett das der Krebs innehat, — die denkbar geeignetste Stellung zur Krebsverteidigung als Erstzweck. Untätig lassen sie wie Troddeln gleichsam ihre Beine auf den Krebs herabbaumeln oder bei ganz eingezogener Lage des Krebses vorweg pendeln, oder sie stehen auch, spiralig gerollt, sprungbereit auf dem Anstand: sobald aber ein Verdächtiges gegen den Krebs anrückt, schlagen sie (wie Weismann berichtet) „alle wie auf ein gegebenes Signal gleichzeitig von oben nach unten und wiederholen das drei- bis viermal“. Bei künstlichen Versuchen soll man die Eruption (auch nach Weismann) schon durch einfaches kräftiges Heranstrudeln von Wasser hervorlocken können, das offenbar bereits als Annäherung eines Feindes selbst genommen wird, — ein Beweis, wie automatisch die eigentliche Technik auch hier noch läuft. Die Polypentierchen sehen ja selber in Ermangelung echter Augen weder ihren Krebs noch seine Feinde, sie reagieren nur auf ein allgemein Nichtgeheures, das unter großem Wasseraufruhr von vorne und in der Richtung nach unten ins Parkett hinein naht. Aber eben dieses von vorne und nach unten umschließt schon den „Krebsblick“ auch dieser dunkel tappenden Tast- oder sonst irgendwie Fühlgeister als das Entscheidende, — den Krebsschutz als Ziel. Und alsbald sehen wir weiter, daß es doch auch nicht bei einfachem Richtungs-Automatismus, sosehr der auch den Ausgangspunkt gebildet haben mag, diesmal geblieben ist.

Es haben sich zunächst jetzt wieder bei dem Krebs als einem für höhere, verwickelte Instinkte durchaus schon geeigneten, „seelisch“ geweckten Tiere starke Instinkte solcher Art an die von oben gebotene Unmittelbarverteidigung angeschlossen. Dieser Krebs bevorzugt in den engeren Fällen längst nicht mehr bloß allgemein Schneckenhäuser mit bestimmten Polypen darauf: er sorgt durch ganz feste Handlungen, die, allgemein instinktiv zu werten, doch im Einzelfalle sogar mit einem gewissen Maß Wahlintelligenz angewendet und eingepaßt werden müssen, dafür, daß er keinen Augenblick ohne Schutzpolypen bleibt. Schon in jenem grundlegenden Vortrag von 1883 hat Oskar Hertwig das mit durchweg dauergültigen Sätzen festgelegt: „Man versuche nur einmal, den Freundschaftsbund der beiden Genossen zu stören; man nehme, wie es im Aquarium zu Neapel geschehen ist, einen Einsiedlerkrebs aus seiner Schneckenschale heraus, stopfe die Höhlung ... mit kleinen Leinwandstückchen fest zu und bringe sie wieder in das Meerwasser zurück. Bald wird man jetzt der Zuschauer bei einer höchst merkwürdigen Szene werden. Zunächst strengt sich der Einsiedler an, die Leinwandstückchen aus seiner alten Wohnung, auf welcher sich noch die alte Seerose befindet, zu entfernen, und erst dann, wenn ihm nach vielem Bemühen sein Vorhaben nicht gelingt, sucht er in einer leeren Schneckenschale, welche der Experimentator mit in das Aquarium gelegt hat, seinen Leib in Sicherheit zu bringen. Aber noch fehlt ihm seine Genossin. Er wandert jetzt zu der verlassenen alten Behausung hin, betastet die Seerose mit seinen Scheren und Füßen, sucht sie von ihrer Unterlage loszulösen und ruht nicht eher, als bis auch sie, seiner Ermunterung folgend, auf die neue Schneckenschale mit übergewandert ist. Einige Beobachter geben sogar an, daß, wenn durch Zufall die neue Wohnung dem Geschmack der Seerose nicht zusagt, der Krebs eine andere aufsucht, bis seine Gefährtin vollkommen befriedigt ist.“ Der letzte Satz mag etwas unbestimmt bleiben, wie es sich auch bisher z. B. nicht hat wieder bestätigen wollen, daß der Krebs seine Seerose geradezu absichtlich füttere; prinzipiell würde aber auch dieser letztere kleine Zug nichts Unwahrscheinliches mehr hinzutun, da (wie Kammerer in seiner trefflichen Schrift über „Genossenschaften von Lebewesen auf Grund gegenseitiger Vorteile“ mit Recht dazu bemerkt hat) Mantelaktinien ohne ihren Einsiedler im Aquarium trotz der sonst leichten Eingewöhnung dieser Rosen dauernd nicht zu erhalten sind, sondern auch bei Doppelfutter absterben, als seien sie durchaus von ihrem Krebs mit besonderen Bissen verwöhnt. Und es ändert auch nichts an den immer wieder gleichartig beobachteten Grundtatsachen, daß im einzelnen Umschläge vorkommen, gewissermaßen launische Instinktabfälle, wo, wie ein Tier trotz Elterninstinkt einmal plötzlich seine Jungen auffrißt, der Krebs seinen (irgendwie widerspenstigen) Polypen bei der Verpflanzung schlachtet.

Nun aber dazu wieder im Ausgleich krönt ein packendster Schachzug das Ganze. Dem hochentwickelten Krebs traut man solche gewissermaßen geistig dirigierenden Instinkte schon zu, und man freut sich ihrer besonders, da sie eine so gute Probe auf das Exempel geben. Immer, wenn zu körperlichen Umwandlungen auf einen wahrscheinlichen Zweck hin auch noch gleich gerichtete Instinkte kommen, steigt ja beträchtlich die Wahrscheinlichkeit, daß es sich wirklich um solchen Zweck (also hier die Genossenschaft) handle. Das ist doch auch dauernd die entscheidende Grundlage der berühmten, so viel bestrittenen Farbanpassungstheorie, wo z. B. ein Tier auf Grün schutzgrün ist: hat es zu der grünen Farbe auch noch den Instinkt, sich bei Wahl verschiedener bunter Unterlagen allemal auf Grün zu setzen (wie die kleinen Virbiuskrebse das z. B. so hübsch tun), so wird diese Doppelzüchtung in zwei parallelen Wegen unmöglich einen zwecklosen Zufall darstellen können, wie immer wieder soundso viele meinen. Aber irgend etwas derartig Instinktives muß nun auch bei der systematisch doch so sehr viel niedrigeren Polypenpartei auf die Dauer der Schutzangliederung ihrer Waffen an den Krebs möglich geworden sein, so schwer es dem Kenner zunächst eingehen will. Der Einzelpolyp oder die Polypenkolonie, automatisch sonst gewöhnt, gegen jeden Fremdangreifer des Krebses schon beim geringsten auch nur scheinbaren Anzeichen augenblicks mobil zu machen, ihre vielmillionenhaft vergifteten Akontien zu schnellen oder ihre Wehrsoldaten alle zugleich von ihrem Bock da oben herabbrennen zu lassen, — sie wenden ihre Einzelwaffe oder Armee niemals gegen den Krebs selbst. Gelegenheit im Sinne einer einfachen automatischen Reizauslösung wäre ja auch dazu wahrlich genug. Wenn ein einfach verstärkter Wasserdruck schon die Wehrpolypen der Podocoryne weckt, wieviel mehr könnte es der immerfort im Tastbereich dieser tapfern Vorposten strudelnde und „krebsende“ Krebs selber tun. Oder gar jener selbstherrische Krebsbruder, der in Hertwigs anmutiger Aquariennovelle die akontienreiche Seerose von ihrer Unterlage hebt und auf ein neues Dach zu versetzen sucht, wie unbedingt müßte er dazu reizen, — zumal wenn man weiß, wie schwer und widerstandszäh sich solche Tierblume gegen jeden Eingriff eines Menschenwerkzeugs wehrt, ja sich lieber in kleine Fetzen zerreißen läßt, ehe sie ihre Sohle preisgibt. Wenn der Krebs aber kommt, so sanft wie solche Panzerfäuste können, aber doch sicherlich nicht bloß Sammet, so fügt die Rose sich schon von sich aus unverkennbar glatt darein wie zu einem Liebesakt, machen kann er mit ihr, was immer er mag, ja laut Doflein (in seinem wundervollen Werk über „das Tier als Glied des Naturganzen“) „kriecht sie event. sogar selbst auf seine Schneckenschale hinüber“. Die Akontien aber feiern bei ihr wie drüben die Wehrpolypen, als sei ein Signalzeichen diesmal eingestellt: gut Freund, kein Bandit. Und nicht einmal die einfache Praxis scheint geübt zu werden, die wir alle von unsern sensitiven Rosen des Seestrandes doch so gut kennen: daß die Blüte bei der Berührung sich schließt wie ein Mimosenblatt. Kein Zweifel mehr: auch hier waltet ein streng korrespondierender Instinkt, einerlei nun, durch was für spezielle Merkzeichen er gerade vom Krebs in dem blinden Polypen ausgelöst wird, und vor solcher Sachlage hört der letzte Rest des Zufälligen, des vielleicht doch noch von Fall zu Fall Vorübergehenden oder der voreilig menschlichen Deutung in diesem Beispiel endgültig auf. Wir stehen vor einer Glied um Glied körperlich und (immer in tierischen Verhältnissen gesprochen) geistig ineinandergreifenden Gesetzmäßigkeit. Der typische Fall der „Symbiose“ ist diesmal gegeben, indem wir mit Einsiedler und Polyp zugleich das Beispiel berühren, das Oskar Hertwig damals seiner Begründung der Symbiose auch auf der tierischen Seite zugrunde legte als „ein auf vollständiger Gegenseitigkeit beruhendes Zusammenleben zweier ganz verschiedenartiger Tiere“.

Im engern schart sich um diesen entscheidenden Fall für unsere heutige Kenntnis aber sofort noch ein ganzer Kreis gleichsam erläuternder Nebenfälle mehr oder minder scharfer Art.

Mit dem Krebs in seinem Schneckenhaus können meerbewohnende Borstenwürmer (Chätopoden aus der Gattung Nereis) in einer Genossenschaft zweiten Grades leben, die, wie mit langen Hälsen vorgestreckt, ebenfalls sozusagen aus seiner Schüssel mitfressen, ihm dafür aber mit harten Kiefern tranchieren helfen oder Ungeziefer seiner Höhle wegfangen, während er sie ebenso freundlich schont wie seine Rose. Solche Würmer haben auch sonst (in Seesternen, andern Würmern oder Fischen) Neigung zum Schmarotzen, was dann auch bei ihnen zuletzt in Symbiose umgeschlagen scheint. Interessant ist dabei, daß sie, die vorher frei beweglich waren, sich nachträglich zum Zweck erst wieder unter gewisser Verkümmerung seßhaft gemacht haben, um sich gleich den Rosen fremd herumfahren zu lassen. Umgekehrt können in den Seerosenblüten Asseln hausen, die der Polyp nicht frißt, noch brennt, weil sie ihm (nach Kammerer) unwillkommene Abfälle fortzuräumen scheinen. Diese kleinen Reinigungsunternehmer zählen gleich unsern bekannten Kellertieren selber zu den Krebsen, so daß also hier zweiter Hand auch noch ein ursprünglich frei beweglicher Krebs mit der Polypenpartei lebte, die selbst nur wieder durch einen zweiten Krebs beritten gemacht wird. Die anfangs zweiseitige Symbiose erscheint zu einer selbdritt und selbviert erhöht. Umgekehrt wird der anfängliche Fall vereinfacht, wenn die Seerose sich unmittelbar auf dem Krebs ansiedelt, sich Krabben, die nie ein Schneckenhaus schleppen, einfach auf den breiten Rücken oder eine der Scheren setzt. Wenigstens der Brennvorteil bleibt ja auch so, und man versteht, wie jene von Möbius so anziehend geschilderten kleinen Krabben der Korallenriffe, die Polydectinen (Melia u. a.), sich gewöhnen konnten, die immer wieder sorgsam aufgelesenen polypischen Stichflammen ihrer Scheren bei noch etwas geweckterer Selbsthilfe dauernd mit der Scherenzange selbst umkneipt zu halten und so dem Feinde gleichsam wie einen schußbereiten Revolver drohend entgegenzustrecken ([Abb. 11]). Dazu wieder im Gegensatz ließe sich mit geringer Phantasie ein Fall ausmalen, wo in dem Schneckenhause des Bernhardskrebses auch noch die lebende Schnecke neben ihm erhalten bliebe und in die Symbiose einträte. Denn die sog. „Muschelwächter“, zahlreiche kleine Krabben und Flohkrebse (am bekanntesten Pinnotheres veterum, den schon die Antike feierte) leben genau so bei dem lebenden Muscheltier in Austern und Steckmuscheln mit, laufen bei geöffneter Klappschale frei aus und ein und profitieren in der Gefahr von dem Mitverschluß, den sie der Sage und vielleicht auch Wahrheit nach selber durch eilige Flucht ins Innere herbeiführen, so auch dem stumpfen Muscheltier Nutzen bringend. Dächte man sich auf die Muschel hier eine Seerose gepflanzt, die von dem frei ausschwärmenden Krebs Vorteil zöge, so wäre auch in dieser Gestalt die schönste Drei-Symbiose fertig.

Abb. 11. Die Krabbe Melia tessalata auf einer Riffkoralle (Madrepora). Sie hält in jeder Schere eine kleine Seerose, die sie mit ihren Nesselbatterien als wirksamer Verteidigungswaffe Feinden entgegenstreckt. Vergr. Unter Benutzung einer Skizze nach Borradaile in Hesse-Doflein, Tierbau und Tierleben, Bd. II.