Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt nie zum Landtier wird, ewig im Wasser, und zwar im schlechterdings finsteren der unterirdischen Karsthöhlen verharrt, gleicht das Wunderwesen von Adelsberg – der Olm.
Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms Gestalt, mit spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten Beinchen. Wie neueste Forschung lehrt, ist das eine Anpassungsform seines Leibes, entsprechend der Gewohnheit, sich am Boden des Seichtwassers seiner Höhlenschlünde in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei die Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß nachschieben.
Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, denn dieser Wurmleib ist fleischfarben-farblos, ohne dunklere Pigmentschicht wie ein nackter europäischer Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.
Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen Olmforscher diese Nacht auch waltend noch in einem ganz besonderen Zuge seiner Organisation. Sven Hedin erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in Tibet, die sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter noch einmal ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos und blind gewesen. Und ein ähnlicher Kerkerheiliger erscheint uns auch der Olm.
Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als verkümmert, die Linse fehlt, und ihr Platz ist durch eine Wucherung der Netzhaut ausgefüllt, während gleichzeitig die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze Auge bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.
Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft jetzt um diesen Olm und seine Wunder.
Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde hat er hinsichtlich seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: beim Anbohren eines artesischen Brunnens in Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort rein zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, Typhlomolge rathbuni, zutage, ohne daß sich doch aus dieser Entdeckung bisher viel weitere Aufschlüsse ergeben hätten. Der systematischen Stellung nach schloß sich dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche an.
Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz absonderlichen Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen schien, wollte lange den Fortschritt unserer Olmkenntnis trotz eifrigster Arbeit immer wieder lähmen. In letzter Zeit aber ist das nun doch endgültig anders geworden. Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen Wurstbuden und Schießbuden und Schaukeln steht ein stilles Haus, das der bedeutsamsten Forschung geweiht ist: die Biologische Versuchsanstalt. In eifriger Feinarbeit werden dort durch das Experiment am lebendigen Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene Abänderung der Färbung sich vererbe, ob ein in der freien Natur fest eingebürgerter Instinkt sich umzüchten lasse unter künstlich veränderten Bedingungen und ob auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter dem Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene Forschungsart, die von dem großen Physiologen von Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte »Entwicklungsmechanik« mit wachsendem Glück begründet worden ist. Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge schon des kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch die rastlose Tätigkeit Paul Kammerers dort. Und vor dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun neuerdings auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.
In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich öffentlichen Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen eine künstliche Adelsberger oder Kanzianer Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens taucht man auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen schwarzen nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen gespenstisch erhellen darf, und den Schreiber dieser Zeilen, der nicht eben der geschickteste Kletterer auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete der Besuch schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie an.
Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal gelten dürfte, wird da drunten zum Segen: durch die gemauerte Decke tropft das Sickerwasser so reichlich, daß es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen ist, von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig den defekten Zementboden. Das verdunstende Wasser hält die Luft sozusagen im Bad, ewige natürliche Finsternis waltet, keine Erschütterung bewegt den Spiegel, und die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel der Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.