Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste Folterkammer, vergleichbar der römischen, wo sie den Sonnenkönig Jugurtha einst verschmachten ließen. Der Olm aber findet hier sein Paradies. Hier läßt er sich in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten und anders temperierten Aquarien die nötige Kontrolle gegeben ist.
Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte des Olm. Die Grottenführer in Adelsberg und St. Kanzian hatten stets behauptet, der Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste, genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. Andere Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erlebte eine höchst vorzügliche wissenschaftliche Beobachterin, Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme im Aquarium Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings aber war in einem solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise auch wieder vorgekommen, daß ein Weibchen statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon recht stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige Köpfe hatten also schon die Vermutung aufgestellt, es gebe zwei verschiedene Olmarten, die sich in dem Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer konnte dagegen jetzt folgendes als sicher festlegen.
Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von der Temperatur des Wassers, in dem man ihn hält. Hielt man ihn bei weniger als 15 Grad Celsius (also in der besagten unterirdischen Zisterne der Versuchsanstalt), so brachte er unter allen Umständen lebende Junge zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits ziemlich groß waren und schon alle vier Beine besaßen. Diese zwei hoffnungsvollen Sprößlinge hatten sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger bewährt, indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der Eier dort einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums Dasein und embryonaler Kannibalismus schon vor der Geburt, den man nur mit einigem Grausen verzeichnet!
Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, das wärmer war als 15 Grad Celsius, so legte er ebenso konsequent stets Eier und zwar diesmal bis zu 60 an der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose Junge erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd am Leben zu erhalten gleich den anderen, gelang aber nicht.
Und schon letzteres deutete darauf, wo der natürliche Fall liegt: in ihren heimischen Grotten entspricht die Temperatur stets nur der in der Wiener Zisterne – der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen nur eine Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg ist.
Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm handeln kann, wurde ebenso evident, als bei Kammerers Versuchen ein uraltes, schon über zwanzig Jahre in der Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst im warmen Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme brachte. Licht oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache nicht. Wohl aber beginnen hier für sich wieder interessante Versuche Kammerers, die jetzt die persönliche Abänderung des künstlich belichteten Olms betrafen.
Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich schon seit Jahrtausenden Generation um Generation ihr Wesen in stygischer Finsternis treiben, so wäre es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein erzwungenes Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. Das gerade Gegenteil ist der Fall.
Will man den Olm in seinen Naturbedingungen studieren, so muß man ihn natürlich möglichst dunkel halten. Man kann ihn aber ebensogut ans Tageslicht gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen in der Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit individuell aus einem Weißen zum Neger mit dunkler, zuletzt blauschwarzer Haut. Diese Umfärbung vererbt sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und zwar auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln geboren worden sind und sich dort entwickelt haben – wobei im Sinne moderner, sehr kniffliger Vererbungstheorien allerdings noch offen bleibt, ob hier ein echter Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib äußerlich schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die Eier und mit ihnen alles, was je daraus werden sollte, für immer mitgeschwärzt hatten. Viel wunderbarer als dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer durch Belichtung beim Olmauge erzielte.
Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des erwachsenen Olms hochgradig verkümmert; es entspricht in unserem normalen Menschensinne einem linsenlosen, höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge. Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz so. Das Auge ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint als schwarzer Punkt; innerlich besitzt es noch eine Linse, und es ist noch nicht so dick von der Haut überwachsen. Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier spiegelt noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben im Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene Dunkeltier das Auge mehr auf der jetzt gültigen Stufe des Nichtgebrauchs verkümmert weist. Kammerer stellte sich nun als Problem, was wohl mit dem Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen Licht erzöge.