Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die rasch im Licht einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich auch das schwache Häutchen des Jungauges sofort so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht ferner möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß das Licht einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung führt, so daß durch geschickte Abwechslung mit solchem roten Licht wenigstens der Hauptschaden beseitigt werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in dieser Stärke denn doch überraschendste Resultat.
Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre ihres Lebens konsequent in dieser Weise belichtet. Im ersten Jahre verharrten ihre Augen einfach auf dem Jugendstadium, ohne sich in der sonst hier schon eintretenden Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll das Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten wölbte es die ganz dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig vor. Im vierten schien eine unverkennbare Hornhaut entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden die Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich folgender Sachverhalt.
Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast vollkommen an die Oberfläche gerückt war. Die reine Größe des Augapfels hatte sich um mehr als das Doppelte des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. Geblieben, nicht wie sonst stets beim erwachsenen Olm rückgebildet, war die Linse; im Gegensatz zum Jugendstand hatte sie sich vielmehr noch um das Achtzehnfache an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem alten Olmauge, sonst gesehen worden war, hatte sich aber sogar ein Glaskörper entwickelt. Ebenso war eine Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille umschloß. Die Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung erfahren hatten.
Mit einem Satz: man hatte ein Lichtauge vor sich statt eines Dunkelauges.
Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden Larve unseres Feuersalamanders, so kann man sagen: diese neuen Augen des Lichtolms entsprachen ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen Sehen bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.
Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer anfangs kein Urteil, doch scheinen die neuesten Experimente die Bestätigung zu bringen, daß dem fertigen Apparat schließlich eben auch der Gebrauch, den man erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das glänzende Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen neuen Olm: eine Lichtform des Dunkelmolchs, die nicht mehr auf die finstere Grotte eingestellt ist, sondern sich vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte fügt – die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut leben könnte wie irgendeine unsrer kiemenatmenden Lurchformen sonst.
Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier künstlich vollbracht hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen Wegen aus dem so bildsamen Geschöpf hätte herausarbeiten können – etwa wenn die dunkeln Decken seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische Wandlung wieder zur offenen, belichteten Klamm aufgetan hätten.
So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher Umwandlungen der Arten, und der schlichte Einzelversuch erhebt sich bis zu der Höhe umfassendster biologischer wie philosophischer Fragen.