Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner Lebensweise. Während der Riese bekanntlich den größten Teil seiner Zeit wie eine Seekuh im tiefen Binnensee- und Stromwasser verbringt und dabei ein geselliges Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald da, bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend und luftschöpfend sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch im dichten Walde hausen.
Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem Sammler ein schlecht und recht ohne Lebenskenntnis montiertes Fell leisten, sonst aber schliefen alle Nachrichten bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und das Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die Halbbekannten, die Erwünschten, aber wie im Zauberwald für uns Verschlossenen – immer eine unbehagliche Sache für einen letzten Mohikaner auf so winzig umschränkter Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« den Garaus machen konnte.
Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm erlebte, auf einer Freimarke seines Landes sozusagen national wie international aufzutreten, sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis endlich auch in dieses zoologische Geheimnis volles Licht fiel.
Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und der erste, der endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, stand im Dienste der zoologischen Sachforschung und nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei; Sonntagsjäger heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute nämlich leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben kann, als der Tierforschung in Jahren wieder gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck sollte es einmal wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist und Chancen für die Wissenschaft, die dort bestand. Solches Unikum, lebend zum erstenmal nach Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen jedesmal eine große Sensation und erzielt im Verkauf an einen anderen Garten Liebhaberpreise, die selber nichts vom Zwerg haben; zugleich aber besteht das Faktum, daß mit solchem geschickten Fang und Import des lebenden Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat im Sinne der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; für den Rest sorgen dann schon die Professoren selber.
Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen Stil. Er schickte also auch diesmal einen tüchtigen Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia mit der strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich zu fangen und nach Stellingen zu bringen; wie einst der selige Bennett zu Stanley sagte: »Finden Sie irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«
Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit in die schwierigen Flußwälder Liberias ein, ließ Hunderte von Fallgruben herstellen und erreichte planmäßig wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in Stellingen fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle und ein junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. Ein Exemplar lebt jetzt im Berliner Zoologischen Garten, dieser herrlichen Lehrstätte moderner Tierkunde, die unter Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere wissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man die wahre Gestalt, den Charakter und die heimische Lebensart des so überaus merkwürdigen Geschöpfes; dieses Kapitel der Naturgeschichte ist gerettet.
Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet es, im eigentlichen Sinne ein Scheusal. Er hat jenes Zerflossene, sozusagen in den Proportionen Aufgelöste, das alle Säugetiere zuletzt im Wasser annehmen. Der ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib wird zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.
Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, daß er niemals so extrem Wassertier geworden ist. Er bleibt dem Tapir (übrigens keinem Verwandten, sondern einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet, darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der Zwerg nicht leben, so bewiesen die Gefangenen. Aber in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen dazu schon die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere, bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, sondern verstecken sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. Und wenn er dann im Dunkeln in seinem Dickicht auftaucht, der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler ist er, der aber auf seiner einsamen Streife weithin durch den Forst wechselt, friedlich und harmlos von Wesen, wie die überaus geduldigen, leicht zu meisternden Gefangenen dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen viel höher, der Bauch hängt nicht so schleppend wie beim Riesenbruder, und am besser proportionierten Kopf fehlen völlig die ungeheuren Augenringel und Nasenwülste, so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu einer einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten Augen gemildert erscheint. Der Fuß, der beim Riesennilpferd rein vierzehig aufpatscht, zeigt schon eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang bloß eine Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung im Stammbaum der Paarhufer außerordentlich interessant ist. Und gänzlich fehlt das »Bluten« des echten Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung, die durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das Ungetüm schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt eben auch diese Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben zusammen und ist also bei dem Zwerge nicht vonnöten.
Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen Gesellen zuletzt wieder die Frage vor, daß gerade in diesem Liberiawinkelchen ein solcher Zwerg des alten Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben konnte, während sonst das ganze große Afrika durchweg nur den Riesen erhielt?