Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter als die Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der Negerrepublik Liberia an der westafrikanischen Pfefferküste.

In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen Marken stets hübsch die Gestalt der Freiheit mit der Mütze, respektabel und etwas langweilig anzusehen wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es aber dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten und Schimpansen übergegangen.

Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke aber erkenne ich in gutem Umriß sein allermerkwürdigstes Landesprodukt, ein bislang auch fast mythisches Tier, das doch angetan ist, den Namen dieser kleinen Republik für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, eine nützliche Verewigung auf jeden Fall im wechselnden Schicksalslauf politischer Konstellationen.

Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und Zwergform des populärsten afrikanischen Tierriesen, des Flußpferdes oder Nilpferdes, die sich hier in diesem kleinen Küstenländchen durch irgendein besonderes Stück Weltlauf erhalten hat.

Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel oder das Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd heute zu den Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. Man weiß von ihm nur, daß es, alles eher als ein echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen Ausläufer des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen zu den Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten steht es wohl noch den Schweinen.

Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer Zeit arg eingeengt; kam es doch um den Beginn der Diluvialzeit noch im Florentiner Arno und in der Londoner Themse vor, während es heute auf das (immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden ist. Jene früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei durchweg einer noch etwas größeren Art an. Aber gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet in Knochenhöhlen doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos einen wahren Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß wurde wie ein wirkliches Schwein.

Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen in der Körpergröße dort damit zu erklären versucht, daß es sich um Flußpferde handelte, die durch Zerreißen und Versinken großer Landgebiete im damaligen Gebiet des heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden. Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz, klein zu werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute der Edelhirsch, der Damhirsch und das Wildschwein merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem Abbröckeln ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß wir heute auf den betreffenden Inselresten nur mehr ihre Knochen finden.

Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia bedeutsam.

1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste unsichere Kunde, daß in den noch ganz unerforschten, unwegsamen Binnenwäldern der kleinen Republik ein solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.

Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja auch für Menschen immer im dunkelsten Afrika geblüht hat, bis sie doch eines Tages in Gestalt der wirklichen Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett nach Europa brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen Zwerg nicht länger zweifeln. Er wurde nur so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80 Meter, was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des gewöhnlichen großen Hippopotamus danebenstellte, der bei Exemplaren von 4 Meter und noch mehr Gesamtlänge allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen einen neuen Gattungsnamen erfinden mußte; »Choeropsis« wurde der Kleine benannt anstatt des alten »Hippopotamus«.