Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach Menschenart zugänglich wären und von der Geschichte ihres Volkes mehr besäßen als ein paar altüberkommene dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein eigenartiger Traum gezogen sein.

Der Schopfibis (Geronticus lautet der lateinische Name) kommt heute aus fernem fremdem Erdteil zu uns, vom asiatischen Euphrat oder aus dem afrikanischen Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem Getier. Und doch war dieser Fremdling einst ein echter und rechter Bürger nicht nur europäischer, sondern deutscher Erde!

Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren Teilen des großen deutschen Sprachgebiets geführt, von denen »Waldrapp«, eine speziell schweizerische Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt, sich in der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt hatte. Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht etwa alte Alemannen und Helvetier oder gar Pfahlbauer oder Mammutjäger der Diluvialzeit gewesen, sondern Renaissance- und Reformationsmenschen.

Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals im Volke. Chroniken und Naturgeschichten sowohl wie Gerichte und ihre Urkunden kannten und nannten ihn, der Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen, stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der Landschaft.

Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals ja noch nicht entfernt so viele Vertreter wie heute; aber um so zahlreicher gab es Praktiker, die als Jäger oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im Lande Bescheid wußten – nicht vom Hörensagen wußten, sondern weil sie die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle müssen – vielerlei Anzeichen als Stichproben beweisen es noch klärlich genug – auch den deutschen Waldrapp gekannt haben.

Dieser deutsche Waldrapp aber ist verschollen seither!

In Zeit weniger Jahrhunderte.

Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten Fälle aus der Besitzgeschichte unseres Vaterlandes liegt hier vor: ein lebendiges Tier geht in Seiten hellster Kultur, unter den Augen – nein, nicht unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand – unserer Naturforscher einfach im Lande unter wie in Urtagen das Mammut – bis auf den letzten Kopf, hoffnungslos, für immer.

Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen lernt, denn sie enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr für die Notwendigkeit von Tierschutz und Heimatschutz, als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los hätte die Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen da, dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, deutscher Natur herausgreifen und in die Versenkung werfen, wenn wir nicht Gegenmittel ergreifen.