Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, die Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig das ganze unabsehbare Heer der Jäger, Förster, Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch herab.
Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler als neue Entdeckung, als eine »neue Tierart aus Ägypten«, beschrieben, und das war sein tatsächlicher Eintrittsmoment in die moderne Wissenschaft. Also wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von keinem europäischen Forscher gesehen, in Europa selbst völlig unbekannt. Er erhielt einen neuen lateinischen Namen, kam in Lehrbücher und Museen – als Exote, den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither jetzt übers Meer beschaffen mußten, nachdem er einmal im Verzeichnis der Arten stand. Nach diesem Datum vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, die Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther Rothschild, ganz zufällig bei einem Gespräch im schönen Rothschildschen Museum in London eine der sonderbarsten zoologischen Feststellungen machten, die jemals möglich geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß dieser heute nur noch exotisch fortlebende Schopfibis identisch sei mit dem alten deutschen Waldrapp des sechzehnten Jahrhunderts, den damals an vielen Orten jedermann bei uns gekannt hatte.
Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem sechzehnten Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger wirklich großer Tierforscher und Sachkenner der deutschen Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad Gesner zu Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, dann aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten ist der deutsche Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, wie auch gut abgebildet.
Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man den heutigen exotischen Schopfibis und nicht eine echte Rabenart vor sich hat. Der Text sagt auch nur, daß der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten Ibisschnabel und wehenden Nackenschopf, wir hören von der Kahlheit des Kopfes und dem schwarzen sonstigen Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische Spiegel ergleißte.
Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem Raben verglich (er, der ja keinen Ibis zum Vergleich kannte), wird uns vollends verständlich, wenn Gesner uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen Schroffen oder alten einöden Türmen und Schlössern« nistete, »dannenher er auch ein Steinrapp genannt wird und anderswo in Bayern und Steurmarck ein Klaußrapp, von den Felsen und engen Klausen, darinn dann er sein Nest macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts!). So steil und unzugänglich lägen oft seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem Menschen, so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen und für einen Schleck gehalten wird, wie er auch bey uns in etlichen hohen Schroffen bey dem bad Pfäfers (Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche Weydleut hinab gelassen haben«.
Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.
Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße der alten Ägypter wie der braunrote oder schwärzliche der Mittelmeerländer oder der schön rosenrot flamingofarbige Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel geläufig. Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp die Ausnahme von dieser Regel: denn eben der Schopfibis nistet auch heute in seiner fernen Gegend noch mit Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, – zum Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in den Ruinen eines alten Sarazenenschlosses. Also das erledigt sich von selbst.
Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten Bildern war aber nun als ein Grundwerk neuerer Tierkunde selber niemals vergessen worden. Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin in der Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal erlebt.