Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert das tat, was eigentlich Vater Adam im Paradiese schon besorgt haben sollte, nämlich den ganzen Inhalt der großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten versah – er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, daß er dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System nahm, anfangs als eine Art Wiedehopf, später als wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm aber schon nichts mehr.
Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende zum neunzehnten Jahrhundert wagte dagegen einen entscheidenden Schritt. Er prüfte Gesners Bild, gab selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte aber zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz Europa ja doch nicht gebe. Nicht mehr gebe – darauf kam er zunächst nicht. Nein, überhaupt nie gegeben habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer Alpenkrähe.
Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich jetzt von der ganzen nächstfolgenden Forschung auch das Gesnersche Bild abgelehnt und ignoriert – der deutsche Waldrapp war also gleichsam doppelt verschollen. Und es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei Vogelkundigen im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das Bechsteinbild und endlich ein Bild und einen Balg des längst inzwischen unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis von heute nebeneinander zu sehen bekamen, womit denn natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß als falsch erkannt, Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf deutscher Erde ausgestorbenen Vogel handeln müsse.
Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde vom wenigstens historisch wiedererstandenen Waldrapp rasch erweitert worden noch über Gesner hinaus. Neuerdings hat besonders Robert Lauterborn, der so eifrige und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde, das Material gesichtet und vervollständigt.
Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß dieser dohlenhaft auf Burgruinen nistende deutsche Ibis außer in der Schweiz auch im Salzburgischen, im weiteren Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei Kelheim und Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein krummer Schnabel leicht aus den tiefsten Löchern zog, wurde er gelegentlich schon damals in Steiermark und zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs berühmter Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein Wildpret«. Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens die Gelehrten schon damals selber mit einem Ibis, wobei einer eine alte Stelle bei Plinius ausgrub, die der Existenz des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt. Dieses alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es ist die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.
Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, Zeitgenosse des Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber nicht eben ein Mann, dem es auf ein derbes Teil Tierfabeln ankam. Aber in seinen Tagen begann man sich aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom sehr ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, und bei dieser Gelegenheit wurde in Amtsberichten offenbar doch vielerlei über die Natur gerade dieser Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit trägt. Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus, hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich für Ägypten heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen gesehen. Kaum ist ein Zweifel möglich, daß das wirklich auf unsern Waldrapp geht, der also in den Römertagen schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet haben muß, genau wie zu Gesners Zeit.
Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer Vogel ein?
Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die das heute auf durchaus warme Länder beschränkte Tier, dessen meiste Verwandte sogar Tropenbewohner sind, vom Rhein und der Donau vertrieb; in Wahrheit spricht dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche Fleisch und weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern gewährt hätten und um dessentwillen die Nestplünderer mit Lebensgefahr sich an den steilsten Felsen herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn seines Volkes in die Schußlinie eines »Schlecks« kommt! Der alte Gesner selber weiß ja noch zu berichten, daß die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen aus ihrem Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), damit sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. Das war in der geordneten Schweiz von 1500 und so und so viel. Anderswo und später auch dort las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß die Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und Nachtigall waren, eben allmählich nicht mehr wiederkamen. Um die Zinnen flatterten Dohlen und Tauben, aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter Traum deutscher Landschaft.
Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch alles von den Tieren, die in Sage und Naturschau um die Wiege unserer deutschen Volkskraft gestanden haben, in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den Heimatsinn finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu sühnenden Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig bannt?