Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als Fisch im Wasser, sondern richtig auf dem Lande in offener Atemluft lebte und doch weder eine Fischkieme noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte – das haben auch die problematischen Geographen und Naturhistoriker, die von der Indienfahrt des Apollonius von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt …
Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und hat in diesem unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen Gedanken gedacht: was für ein Schlachtfeld unter all diesen Herrlichkeiten des blauen Himmels und der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.
Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, um die Lunge, die ihn gewährte. Wie ist hier vom einzelnen gerungen worden mit äußerster heiliger Seelenkraft! Wie klangen und klingen hier die langsamen, tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen bald, bald wieder als Resignationen an.
Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die wunderbaren Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen der Natur. Wie lange der Mensch vielfach den Kampf aushält selbst mit einem stark herabgesetzten Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon in gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt mit seinen zwei Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, zwei Nieren: damit bei Zerstörung der einen Hälfte doch noch der Rest das Ganze einstweilen trage.
Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, auf der Luft und Leben sich nach uraltem Pakt, der allein das Leben in der Luft garantierte, begegnen, dann sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne Lunge hat auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes ringt bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, keine Regulierung mehr.
Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen Entwicklungsgang dieses Organs überschaut, uns noch etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen, das bei vielen heute noch überraschend wirkt.
Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein Teilstück eines anderen, viel größeren und gegen Zerstörungen durchweg viel widerstandsfähigeren Organs in uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. Eine Seitentasche dieses Darms ist sie, die durch besonderen Anschluß von Blutbahnen in der Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf eingestellt hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten, sondern die in der Luft enthaltene.
Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne die Landwirbeltiere aus fischartigen Wassertieren einmal entwickelt haben, so ist der engere Hergang wahrscheinlich so gewesen, daß ein gewisses Darmanhängsel, das bei den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf- und Absteigen im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, sich nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan auf dem Lande an Stelle der Wasserkiemen des Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen können.
Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte man folgern: die Natur hätte auch bei vollkommener Zerstörung der Lunge noch einen Rettungsausweg. Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für sein zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse Blutgefäße dick und leicht durchlässig vordrängte und so Ersatz schüfe.
Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so reguliert denken. Aber in der Praxis fehlt es bei uns eben doch offenbar – leider – an der Möglichkeit und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt auch dieser Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit – es sei denn, daß die Medizin noch einmal ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken, was in den Anlagen der Natur auch in ihm schlummert.