Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen waghalsigen Ideen nicht leicht etwas stärker Anklingendes entdeckt werden konnte, als vor nicht langer Zeit eben auf der so schönen und so tragischen Erde der italienischen Riviera selbst geschehen ist.
Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier ist gleich uns. Und zwar ein Landwirbeltier, also kein Fisch. Dieses Tier aber besitzt keine Spur von einer Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen Fläche seines Leibes, in diesem Falle allerdings auch nicht mit dem ganzen Darm, sondern, unverkennbar noch praktischer, gleich mit der Außenhaut des Körpers.
Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr wirklich wunderbarste Wirbeltier ganz Italiens ist ein äußerlich schon lange bekannter, noch nicht handlanger Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig mit etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem kleinen Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, die jeder Schuljunge kennt, der in den Sammeljahren steckt.
Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« (Spelerpes fuscus) bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer Landsmann liebt er Dunkelheit und feuchte Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der nord- und mittelitalischen Gebirge als ein möglichst scheuer Sonderling haust, der dort auf die uns widerwärtigste Jagd, zum Beispiel auf die der kleinen Skorpione des Landes, geht.
Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie sie beim Chamäleon wiederkehrt, erleichtert ihm das Jagdvergnügen zwischen diesem bedenklichen Wildstand seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so mancher weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint er eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen mehr nötig zu haben, sondern auch sie werden gleich landfertig und nach Abschluß ihres Kaulquappenstandes geboren.
Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen Folgerichtigkeit nach nun damit rechnen sollen, daß der kleine Geselle von solcher Geburt an zeit seines ganzen fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte Lungenflügel im Leibe führe.
Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen bei uns, Feuersalamander wie Teichmolch: diese amphibischen Langschwänzer sind zwar darin »Amphibien«, also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie Kaulquappe im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft atmen können, wenn sie aber dann als reifes Geschöpf aufs Land gehen, haben sie so gut Lungen zu freier Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier oder wie wir Menschen selber.
Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen Schlages keine bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares Gebild im Leibe, das man greifen kann; eine Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr viel anders aus als eine menschliche. Um so überraschender aber mußte jetzt die Kunde klingen, daß findige Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen gefunden hätten, das auf eine solche Lunge gedeutet werden könnte. Ein alter Haruspex, der bei einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen eines so scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte, würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit haben! Der Fall hatte diesmal aber noch eine viel weitere Perspektive als die einer vereinzelten Abnormität.
Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch betrachtet, ein höchst seltsamer Fremdling in unserem Erdteil. Alle seine Genossen von der engeren Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber anschaulich zusammengestellt) sonst jenseits des Großen Wassers in Nord- und Südamerika. Irgendein Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo Europa enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit Asien) muß es vereinzelt so weit hinausgelockt haben.
Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, was auch drüben Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht von mehr als einem Halbhundert verschiedener Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst vielgestaltiges Völklein. Da gibt es Molche, die hoch auf Bäume klettern; Molche, die weite Sprünge vollführen können; Molche, die einen Greifschwanz haben, an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; Molche, die im Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit des heutigen Lurchgeschlechts lange Zähne führen und damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige Riesenlurche der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus jenem Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf dem Lande, andere gehen auch ins Wasser. Allen aber gemeinsam ist das große Mirakel ihrer Familie: der bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf jedes besondere andere Atmungsorgan.