Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser Mangel ausreichend ersetzt werden konnte von einem Wirbeltier, das unter allen Umständen doch an das große Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.

Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander eine Weile zu, so gewahrt man mit Befremden ein unablässiges schnelles Schwingen der Kehlhaut, das ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses Rätsel und damit zugleich das andere.

Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht vom Mund in den Lungenschlund, sondern er atmet mit der Mundhöhle selber. Hier schon treten die Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. Und entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich so ausdrücken soll, auch von innen nach außen und nicht umgekehrt weiter, indem es sich von der Mundhöhle nun ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche bis in ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es ganz besonders die Zehen, die oft durch ein sehr starkes oberflächliches Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck dienen, ein Sachverhalt, der weit fort von allem Wirbeltierbrauch geradezu an die Krebse erinnert, wo die kiemenhaften Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen als der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem Wasser in Berührung kommt.

Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen Molche« keine einheitliche mehr ist, wird man doch kaum fehlgehen, wenn man diese ihre kurioseste und schlechtweg einzigartige »Anpassung« auf ursprüngliche Verhältnisse zurückführt, wie sie wohl gerade der italienische Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.

Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf dem Trockenen noch rein im wirklichen Wasser gelebt haben. Es war vielmehr vermutlich ein gewohnheitsmäßiger Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen Sprühregen und Kellerschwaden auf Maul und Haut, der die Atmung dieser äußeren Haut (etwas atmet ja jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) in eben dem Maß durch feine Reizung verstärkte, wie er beim Eindringen in eine wirkliche innere Lunge vielleicht umgekehrt zu grob wirkte.

Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die Lunge erst wieder nachträglich abgeschafft und durch die Mund- oder Fingerhaut ersetzt worden ist; denn zu der gesamten Organisationshöhe des echten Molchs, die doch sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer Lunge in reifem Zustande.

Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir könnten auch mit dem Gaumen oder mit den Fingerspitzen atmen – die Maschine ließe sich theoretisch auch hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. Nicht am einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, sondern an Generationen.

Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur Reste jener erwähnten krokodilhaften Panzeramphibien besitzen, gehen doch auch die nackthäutigen Lurche, zu denen ein solcher Molch von heute gehört, über Millionen von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es den echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses jüngeren Stammes. Da konnte sich viel vollenden, auch wenn es langsam ging, viel konnte da die Natur, wenn wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die tatsächliche Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips bewähren. War dann die Anpassung geglückt, so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare weitere Generationen in starrem Bann.

Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger zugleich und mehr.

Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für jede Einzelhilfe verwandeln. Dafür aber möchten wir im individuellen Falle einen Ausweg schaffen, der ein krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt gleich, im einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der dunkel schaffenden Naturzüchtung unter uns, der uns Menschen in all unserem bewußten Erfassen der Dinge heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu dem sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch nicht zu erfassen weiß.