Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist.

Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte, unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen gekommen sein.

Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen, schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und Schädelstätten, wobei freilich gerade die verhältnismäßig so winzigen Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen Kreideschlammes.

Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam …

Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren.

Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.

Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit, daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten, auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte Gigantenknochen in größter Pracht.

Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber noch verzweifelte Mühe gekostet – auch den Berlinern. Ehe der Spaten zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23 000 Mark. Dann kam die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee. Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180 000 Mark beisammen waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500 Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben. Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10 Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher als Fachpaläontolog von damals geliefert hat.

Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum. Ihr Wert besteht ganz besonders auch darin, daß wir im Sinne des oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben – also keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung, die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan. Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert. Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden – auf unserem eigenen Grund und Boden …?