Der Schatz von Halberstadt
Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches Ereignis unvergeßlich. Es schwebt mir noch vor Augen wie ein ganz großes Glück, und der Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, worin dieses Glück bestand.
Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang gewesen bin, haben eben ihre besonderen Glücksquellen, die übrigens unverwüstliche sind und also jedem zu gönnen wären, auch wenn es sich um den absonderlichsten Gegenstand dabei handeln mag. Also ich besuchte durch Zufall eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten und ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den künstlich ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des Bodens dort aber hatte sich eine erstaunliche Masse von Kröten angesammelt, und ich erkannte darunter zum ersten Male und am gleichen Fleck vereint die drei charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts – neben der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte Wechselkröte und als ganz besondere Merkwürdigkeit die Kreuzkröte, die einen schwefelgelben Strich längelang über den Rücken trägt und statt zu hüpfen, wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen wie eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern versteht. War das ein Fest, die drei einmal alle beisammen zu haben in natura, wie sie auf dem Bilde bei Brehm standen! Auf dem platten und nackten Boden erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, wenn ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer vorbeifahre, sehe ich sie im Geiste bevölkert mit solchem lustigen Quaquarium mächtiger humpelnder und trabender Krötenprinzen in brauner, grüner oder schwefelgelb gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern die Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch nicht ahnen können, daß mein altes Bildchen mir wirklich noch einmal so ins Gigantisch-Groteske auferstehen sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist …
An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten Naturschwärmer nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres als so eine Ziegelgrube, deren Naturbild so öde ist wie der brave Bauziegel selbst, den die Technik daraus gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur zur Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint doch eine der – minder gelungenen auf unserem Planeten zu sein.
Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine zweifellos höchst vortrefflichen Lieder dichtete und Vater Broyhan, wenn die Sage recht berichtet, eines jener segensreichen Getränke erfand, die selbst Mietkasernen und mäßige Verse erträglich machen können in dieser schlechten Welt – hier zu Halberstadt an der Straße gen Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube einer solchen Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von ein paar Jahren zu einem der naturgeschichtlich merkwürdigsten Orte unseres ganzen deutschen Vaterlandes auszuwachsen – einem Orte, der gerade der üppigsten Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet hat. Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, ist der Zauberer gewesen, dessen Stab aus diesem Loch schmutzigen Tons eine Welt gezaubert hat, die sich hinter die uns bekannten Landschaftsbilder unserer deutschen Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig fremdartiges Leben uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.
Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal ein ungeheures verschlammendes und versandendes Flußdelta. Der Fluß war nicht die nahe Elbe, nicht die Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in Betracht. Das Meer, in das der Strom sich mit träger, zeitweise fast stagnierender Übergangszone ergoß, muß schon ziemlich in der Nähe hier gewesen sein, und der uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. Aber auch dieses Meer war nicht unsere Nordsee – es war irgendein namenloses Stück Urweltozean, wie dieser riesige Strom ein namenloser deutscher Mississippi oder Ganges von damals gewesen ist.
Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des Cestracionhaies, der heute nur noch in der Südsee bei Japan und Australien lebt, besuchten von diesem Meere her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen auch schwimmende Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius Kirchers alten Folianten überliefert ist.
Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es war sogar erst die Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen Meerdrachen. Gleichwohl hatte sich allgemein in Deutschland und auch nahe diesem Fleck schon Unendliches vorher zugetragen gehabt.