Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch das deutsche Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, den man vom Rande der Halberstädter Grube heute blauen sieht, schon einmal gehört hatte. In den Flanken und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge zunächst fast ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte weithin mit ihren roten Schutthalden das Land überzogen, die prächtigsten farbigen Sandsteine von heute schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer wieder eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, einmal von Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum waren diese Wasser zu Salzpfannen verdampft und in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste und einschwemmendem Meer auf längere Zeit eine Art Interregnum von Halbland und Halbwasser eintrat, mit vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, Wattenmeeres und Morastes, geeignet für beidlebiges Tiervolk, das in Wasser wie Land gleichmäßig daheim war.

Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite Zeit, und den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er nach einem fränkischen Dialektwort als die Zeit des »Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an altem Schlick und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg noch eine ganz besondere kulturelle Bedeutung für uns gewahrt, da es in weiten Strecken deutscher Landschaft die gesegnete Scholle unseres Kornbaues geliefert hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von Halberstadt.

Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, ausgestattet mit Kiemen und Lunge zugleich, wie er heute noch in bald üppigem bald fast versiegenden Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er Wasserluft wie ein echter Fisch, zu karger, im engen und luftverdorbenen Resttümpel, hilft er sich dagegen mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.

Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick und Flußsand jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen Salamandern gleichende Unholde herum, zur Gruppe der sogenannten Stegocephalen gehörig, von denen eine kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte gehabt haben muß, bloß daß sich damit noch eine krokodilartige Verpanzerung und Bezahnung verband. Mein kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube war hier also reichlich überboten!

Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon herabkommend, sonderbare Schildkröten und echte Krokodile hinzu. Die Schildkröten noch höchst altertümlich gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der Rückenpanzer mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der Bauchpanzer aber noch erkennbar aus verbreiterten und miteinander verwachsenen Bauchrippen zusammengekittet. Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil Belodon nahe verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein ganz gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen sein muß.

Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, die sich in diese Wattengründe hinaus wagten, aber waren offenbar mächtige Watschelsaurier aus jener heute gänzlich verschwundenen Ordnung der Dinosaurier, zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen Iguanodonten gehört haben.

Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten und einige andere Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen Scheusale regelmäßig auf steilen Hinterbeinen nach Känguruhart dahingehüpft wären – bei doppelter Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings ist man gegen diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« Bewegungsmethode skeptischer geworden, immerhin aber glaubt Jaekel doch von den Halberstädter Gesellen, daß wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen Riesen, aber immer auch noch stattlich genug, möchten sie bald auf den Hinterbeinen und dem Hinterleibe gehockt haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem Halse und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt sein, immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und Pfote zum gelegentlichen Nachstützen, Greifen und Scharren verwertend. Äußerst biegsam war der Hals, klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie in das Sumpfdelta hinaus – noch viel tollere »Kröten« des Bildes als jene wirklich amphibischen. Vielleicht wagten sie sich heran auf der Jagd nach kleinem weichem Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu reiner Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes Wild des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen Reptilvolke gewesen sein. Und gar manches Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit der trocknend sich härtenden Masse verbuk.

Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich nicht das geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube bei Halberstadt nicht wäre.

Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen jenes geheimnisvollen Flußdeltas mitten im Herzen deutschen Landes – die ganze Jura- und Kreidezeit, in denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen, die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, in denen der Mensch langsam ins Licht kam. Und dann eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu ihrem Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter lange und 15 Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. Kaum aber war der oberste aufgelagerte Humus und Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben diese Grube sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder ein als in das uralte Flußdelta von dazumal.