Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten der alten Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht mehr kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die Tierwelt, um die es sich handelte, dort längst vernichtet war, als die strenge Forschung nachkam. Aber es blieb doch noch einzelnes Neuland, und hier machten jetzt auch kritische Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.
Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen Beobachternamens gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner Weltfahrt die Paradiesesunschuld solcher Inseltiere gegenüber dem Menschen überwältigend entgegen: einmal auf den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean hinaus verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf den Falklandinseln, diesem umgekehrten Vorposten der südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.
Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht vor dem Menschen. Man konnte kleine Vögel – Darwin war alles eher als ein Tierschlächter alten Stils, immerhin aber doch ein passionierter Sammler – mit der Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. Zum erstenmal durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger es daheim mit viel Bemühen bis zum Schießgewehr gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug prähistorischer Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem Flintenlauf vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines Tages, erzählt Darwin wörtlich, kam, während er am Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande eines aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den er in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig von dem Wasser zu schlürfen. An einer Quelle traf der Reisende einen Jungen, der vor sich einen Haufen von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute im Sitzen das heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu vor ihm an der gleichen Quelle trinken wollte.
Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren Vorsicht man sonst zur Genüge kennt, dem Jäger überall in die Hand, und ein kleiner Strandvogel war wenigstens zu den ersten Besuchern vor Darwin noch so zahm gewesen, daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde mit dem Stock erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen – anders ging's zum Lohn für seine Paradiesesneigungen nicht!
Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, und seitdem ist die Zahl dieser »naiven Inseln« natürlich noch kleiner geworden. Wie geographisch die letzte große Terra incognita aber die Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf unsere Tage bleiben sollte, so sollten sich auch hier in der Nähe die letzten Bestätigungen des alten Wunders konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand, daß es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen Menschen im Sinne des nordischen Eskimo gibt und wohl je gegeben hat.
Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon recht weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser des freien Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis fluten, ragen die Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen dieser Südwelt, mit wilden Fjorden und Gletscherschliffen, mit Eis und Basalt, alter Glut und jungem Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und reicher Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und wunderlicher Tierwelt. Hier und fast nur hier wächst der rätselhafte Kerguelenkohl, eine Gemüsepflanze mit meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen Vegetation der Erde so fremd steht, als stamme sie von der Kante eines seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. Zwischen den Blättern dieses antarktischen Kohls aber kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen und zu flugunfähiger Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. Rüsselkäfer scheinen anzudeuten, daß einst auch diesen öden Fels Wälder geschmückt haben dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten riesige Robben und zahllose Vögel – und gerade sie waren es, bei denen auch in unseren Tagen noch ein vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld« festgestellt werden konnte.
Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition am Weihnachtstage 1898 dort landeten, umflogen sogleich Schwärme von Seeschwalben die Dampfbarkasse und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.
Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht erzählt, auf den vom Wogenschlag abgeschliffenen Basaltkuppen die hühnergroßen weißen Scheidenschnäbel heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer, die eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer Nasenlöcher führen. Sie brauchen diesen Schutz beim Verschmausen des klebrigen Inhalts stibitzter Pinguineier – in diesem Punkte sind dieselben nämlich ohne paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in jener Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit gegenüber dem Menschen zur Schau: neugierig pickten sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit Zoologenblick musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk, ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen sich dann als treue Begleiter dem Wanderer an, als sollten sie ihm auf dem fremden Terrain Führerdienste leisten.
Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei mächtige, stahlblau und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte Kormorane behaglich zu ihnen auf das gleiche Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die Köpfe. Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren alte Bullen mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und mächtigen Hauern martialisch genug ausschauen, so daß man sie daheim auf Tierbuchbildern für die grauenhaftesten Angreifer halten möchte, blieben ruhig im Wege liegen, äugten mit ihren großen braunen Augen bloß die Fremden gemütlich einen Augenblick an und duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen auch dieser Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, wenn man ihre Felle und Skelette für die heimischen Museen wünschte.
Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, behandelten das Menschenvolk völlig wie ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten lange und eindringliche Reden in ihrer unverständlichen Sprache, versetzten auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man ihre eng gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar auch das nur nach den Regeln eines gewissen derben Anstandskomments, den sie ebenso unaufhörlich untereinander übten. Der Leipziger Professor machte sich gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich herzutreiben oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen Spaziergang zu animieren. Gravitätisch watschelten sie mit ihm dahin, anzuschauen wie die Rektoren der Hochschulen im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen zu rasches Tempo lehnten sie sich sanft auf, fröhlich dagegen stimmten sie mit ihrem »Kräh! Kräh!« ein, als der menschliche Führer einen Wandergesang intonierte. Die lustige Tour endete leider auch diesmal etwas traurig, denn am Ufer griffen die Matrosen die schönsten Exemplare heraus und schleppten sie lebendig an Bord.