Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern, sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten Naturforschern verdankt werden, kann über die Grundtatsache der »Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter Tiere kein Zweifel sein.
Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit und Denkrichtung vom allerhöchsten Interesse sein.
Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« des Tieres, der gegen den Menschen gerichtet wäre.
Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf ums Dasein denken wir ja unwillkürlich zunächst, das Feindliche müsse allemal das Erste und Ursprüngliche sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die gegenseitige Freundschaft und Hilfe längst und von früh an gespielt haben und noch spielen. Wir vergessen den urgeborenen Trieb der Tiere zur Geselligkeit, und wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf im Sinne, daß die Wesen um ihre Existenz ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte Erscheinung auf Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist keineswegs eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz nachträgliche, sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war von Beginn an der Versuch, durch Zusammenhalten Vieler und gegenseitige Hilfe die gemeinsame Not des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins positiv zu vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, dann die Liebesbünde, die Tiergenossenschaften und Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und Ziele, deren höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens selber sind, ohne die der Kulturmensch gar nicht denkbar ist und denen bei uns das entspringt, was wir Ethik nennen.
Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus aus bereits extrem gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden Menschen nicht als Gegner nehmen, ist also nur das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein in ein paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall – das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen sozusagen die Normalsache. Soll man die traditionelle Auffassung eines solchen Tiers menschlich ausdrücken, so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte Livree tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber ist die Masse treu, und was neu ist, wird zunächst nicht eben für eine Ausnahme, sondern für die Regel gewertet werden. Der Begriff des allen Mittieren und Neutieren gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut mißtrauischen Wesens, wie ihn eine falsche Konsequenz der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird von uns erst künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl aber ist natürlich auch ein Weiteres wahr.
Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich wohlwollenden Tieren gegenüber eine Weile als obstinate Räuberausnahme geriert, so fängt auch das Tier an, ihn als solche individuelle Ausnahme einzuschätzen, und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt um.
In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja rascher, als daß diese Selbsthilfe nachkommen kann. So waren die guten dicken Drontenvögel von Mauritius, truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den proviantbedürftigen Holländern bis auf den letzten Kopf hingemordet, ehe sich von innen heraus irgend etwas bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten lehrt, nicht ausbleiben.
Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist ja heute eine Streitfrage für sich. Die einen nehmen schlicht an, daß die Tiere einzeln allmählich durch Schaden klug werden und den Gegner kennen lernen, und daß sich diese Erfahrung allmählich schon als zwingender Instinkt auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht genehm, und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; aber das sind Nebendinge, die das Faktum nicht ändern.
Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den Falklandinseln zu seiner Zeit nicht mehr ganz so zahm waren wie siebzig Jahre früher. Ein Zugvogel der Inseln, der schöne schwarzhalsige Schwan, hatte aber schon damals überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt: seine Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst anderswo gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und brachten diese Weisheit schon mit ins »Paradies«.