Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, daß Meister Busch dieses niedliche Idyll schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im sonnigen Frühlingsgärtchen den dicken Käfern und leichten Immen aus Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und ihr dabei verstohlen ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. Das Spiel symbolisierte die einfache naturgeschichtliche Tatsache aus dem großen Liebesgarten der Natur, daß solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß die Insekten dafür ihre Liebesboten durch Übertragung des Blumenstaubes bilden müssen.

Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im bienenumsummten Pfarrhaus der deutschen Heide, ist selber nie in den Tropen gewesen – dort, wo alle leisen Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem Sturm anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte er nicht erfahren, was der große Erforscher der tropischen Sundainseln, Herr Alfred Russell Wallace, erfuhr, als er um die Mitte der fünfziger Jahre den Berg Ophir auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah, die ihm von allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge kredenzten, sogar mit einem richtigen, halb offenen Deckel daran – Krüge, zierlich aus Blattsubstanz gebaut, die zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine trinkbare Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank und ohne sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt Herr Wallace, daß er voll ertrunkener Insekten lag; trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft, und alle, hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen Krügen«.

Ohne sich viel dabei zu denken!

Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon eine dunkle Sage in der Welt, – von etwas ganz unerhört Dämonischem im stillen Pflanzenreich, das wir so gern als das Reich bloß friedlicher Duldung ansehen.

Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen Blattgebilden in Nordamerika berichtet, die in schönen altertümlichen Deckelgläsern edles Naß darboten, doch er träumte dabei bloß das freundliche Bild der Pflanze, die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der Hitzestunde labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. Aber schon hatte daneben der Blick des einen oder anderen auch an den Insekten gehaftet, die jedesmal in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder an den klebrigen Haarborsten gewisser Blätter angeleimt oder in selbsttätig gefalteter Blattklappe eingeklemmt fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an einem dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht auch hier, wie so oft in der wilden Unterschicht des Naturkampfes, irgend etwas höchst Schauerliches mit dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches überdeckte.

Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst nichts Rechtes anzufangen. Die Naturseidel der »Kannenpflanzen«, wie man jene indischen Tropenkinder geradezu benannt hatte, zeigten oft die herrlichsten Farben, und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig ab. Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt wurden, genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin Aurikel und anderer Blüten. Aber in solcher Blüte war eben die erste Voraussetzung, daß der Kneipant, das Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe kam, um dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub der Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles aufgebaut – hier aber herrschte der Tod. Das große Faß unter dem Schenktisch lag voller Leichen. Wer den Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem Verderben in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus im Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche Animierkneipe.

Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace auf dem Berge Ophir aus den Naturkannen seinen Durst gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels Siegel.

Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein greulicher Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, verleitete, herabgestürzte Kneipopfer, das Insekt, frißt. Eine uralte Fügung des Lebenskampfes auf Erden hat hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen. Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne Pflanze dem Tier voraufgegangen. Sie hatte es erst möglich gemacht. Als eine Art Schmarotzerwesen an der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es konnte nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer Arbeit hatte sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, mit Stacheldraht und Gift, am besten schließlich doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft selbst, die alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß, an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade als Insekt in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze stellte, zu Ehren jener edleren Form des Aufgehens im anderen, die weit über dem Ziel des rohen Fressens die Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger Gegenzug der Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte den uralten Spieß um: sie fraß das gelockte Insekt auf. Und so die Kannenpflanze.

Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame Tierfallen. Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt dazu umgearbeitet. Die eigentliche grüne Blattarbeit für das Leben der Pflanze sonst ist auf gewisse Teile des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels gestaltet dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und als Deckel darauf liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs schützt es die noch werdende Kanne. Erst wenn es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus dem Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem Honigmund der Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich weithin prangende Farben wie mit schreiend buntem Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«