Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, vor allem aber die berufensten Süßmäuler, die Ameisen, da. Gibt es doch bei diesen Tropenameisen so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den heimgebrachten Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres Staates gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so zunächst zu lebendigen Vorratsflaschen zu machen, aus denen später nach Bedarf wieder abgezapft werden kann. Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist glatt, rasch stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab; in der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, ein Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer Kranz grimmer Zähne, von unten gesehen, herabbleckt – und so geht's auf Tod und Leben. Über das Ende kann kein Zweifel sein.
Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war eben, daß die Pflanze jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht frißt. In die Flüssigkeit des Seidels hinein gießt sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren Teile der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen Sinne ist jedes der Münchner Seidel geworden, Fleisch frißt die Pflanze. Menschen streiten sich, ob reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie ist nicht Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe gegeben werden könnte, zweifellos auch Menschen fressen; in die halbmeterlangen Kannen einer Art von Borneo ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer Taube hinein.
So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten Jahren.
Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das gleiche: auf jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, jedem Schach bietet sich ein kühnes Gegenschach. Das stolzeste Kriegsschiff erliegt dem Unterseeboot, die dickste Festungsmauer der Neuerfindung des 42-Zentimeter-Geschosses. Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug tun konnte.
Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für sich den Magen erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt man in sein Gegenteil jetzt den Freßmagen: das war das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen seit alters, gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, Tiergutbürgerlichkeit hatte sogar wohl geradezu angefangen mit der korrekten Ausgestaltung des Magens auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst den Gassenjungen, der diesem Magen ein Schnippchen schlug: das war der Bandwurm, der Eingeweidewurm, der sich einfach in den Magen, die fressende Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die verdauende Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell hatte, ja sich einfach immun erwies und nun den Spieß so drehte, daß er selber als ungebetener Gast sich über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte und nach Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten Fremdtisch.
Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und dann diesen Magen als seinen benutzen: das war die geniale Lösung, war der gewonnene Gegenschlag.
Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?
Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm bekommen …