Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen Fundes, der hier nahen sollte, las man 1905 in dem trefflichen Reisewerke der Vettern Sarasin über Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen (von Nepenthes maxima) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit halb angefüllt. In dieser schwammen Reste einer verdauten Schnecke, Nanina cincta (Lea), nämlich das Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese letztere schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen, Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß lebende Mückenlarven und Fliegenmaden in der Brühe ihr Wesen trieben, offenbar ohne von der verdauenden Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere im Sphinxabgrund selber, die fröhlich dort weiterlebten!
In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg auf Java rückte man der zunächst schier unglaublichen Sache rasch näher auf den Leib, und den Schlußstein konnte einstweilen durch eigene wichtigste Entdeckungen unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther (bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch sein so überaus wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre »Vom Urtier zum Menschen«) bei Gelegenheit eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.
Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, berufen offenbar, uns nicht zu sehr zu Schlemmern im still beschaulichen Naturgenuß am idyllischen Schilfufer werden zu lassen, und interessant durch ihren Bezug zur Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist, dessen kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen mit jedem bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, mit der Atemröhre zum Wasserspiegel gereckt, hängen wie kleine Würste am Rauchfang. Im Tropenland ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger jede feuchte Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen suchen, somit auch auf die Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen geführt wurden.
Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen ja nicht, wohl aber wäre im hergebrachten Lauf, daß die zersetzenden Verdauungssäfte des pflanzlichen Magens auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.
Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, wie genaue Experimente gezeigt haben, sogenannte Antifermente in ihrem Leibe, eigene chemische Stoffe, die jene chemische Zersetzungswirkung des Magenpepsins aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne mit Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, also normal wirkenden Verdauungssaft zu, so lösen sie sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt man aber zerquetschte Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift gleichsam aus der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt jetzt auch das fremde Eiweiß intakt.
Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat das kleine Rackerzeug da drinnen nun seinerseits aber offenbar großen Vorteil von dem Aufenthalte gerade in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, und die zersetzende Magenbrühe, in der es schwimmt, liefert ihm diese Opfer sogar schon handlich zerkleinert, ja halbverdaut in den Mund, während andererseits kein lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt sein Behagen stört und der Tümpel sich ewig von selber nachfüllt ohne Gefahr des Versiegens.
Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im Lebensbrauch den Charakter eines wohlig geborgenen fetten Eingeweidewurms, also im gangbarsten Bilde eines Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß ihre Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer im Tierbauch.
Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht haben, in den Deckelkannen auszudauern, kann um so weniger wundernehmen, als gerade die Fliegenbrut auch sonst schon gern echte Parasiten bildet, die wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln. Guenther hat aber auch eine Milbe (also ein spinnenähnliches Tier) als Kannenbewohner näher bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen, gefressenen Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage bei seinen Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier könnte zuerst unglaublich erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe im Wasser leben, also den Kannenbauch als Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen gäbe, z. B. die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. Speziell die pepsinfeste Kannenraupe Guenthers, die er als Kannenfreund (Nepenthophilus) bezeichnet hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen. Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen nach den selbstgefertigten und mit Holz oder Sandkörnchen oder Blattresten bekleideten Säcken, in denen die Raupe lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie benutzt aber dazu in erster Linie Material von den getöteten Insekten der Sphinxhöhle, also vor allem Ameisenbeine, die sie für ihren Zweck noch besonders zurechtbeißt.
Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines Tages aus solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch kleine lustige Schmetterlinge heraufgaukeln werden oder ein Mückenschwarm zu seiner Zeit herausdampfen wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige Pflanzenpfeife hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch in der Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, wenn einer der niedlichen tropischen Laubfrösche, die so viel Not mit der Erhaltung ihrer Eier und Kaulquappen haben und erfinderisch jedes Wassereckchen ihres Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine zarte Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle einer Kannenpflanze anvertraut hätte.