Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist: es wird jedem Vergnügungsreisenden einer Tropenfahrt in Aden von handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt – es gleicht nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt, einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding aussieht.
In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht. Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber, Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche vollführen und sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden, der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte – wert, daß man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit Statuen prügeln.
Bleibt nur der dritte Fall.
Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der Schwerter, wie der alte Linné-Name Xiphias gladius es ausdrückt, durch die offene See daher.
Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut selbst. Das eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«.
Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den sicheren Eindruck einer Waffe.
Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht, da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches.
Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste Gefahr oder wirkliches Verderben bringt.
Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs – und ein anrennender Berserker von Fisch – es schien immer wieder zu kühn. Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet werden konnte!