Bei ihm fand ich einen dicken Notenband, der durchgeklimpert, und freireligiöse Schriften jener Zeit, die begierig verschlungen wurden.
Der Lehrer der Dorfjugend, weil nicht der meinige, hatte keine Gewalt über mich--so lange er lebte. Aber er hing sich auf, fiel herunter, schnitt sich den Hals ab und wurde auf dem Kirchhofe dicht vor meinem Kammerfenster begraben. Und von nun an zwang er mich allnächtlich, auch in der heißesten Sommerzeit, ganz unter der Decke zu liegen. Bei Tag ein Freigeist, bei Nacht ein Geisterseher.
Mein Freund aus der Mühle, der meine gelehrten Unterrichtsstunden theilte, theilte auch meine Studien in freier Natur. Dohnen und Sprenkeln wurden eifrig verfertigt, und der Schlupfwinkel keiner Forelle den ganzen Bach entlang, unter Steinen und Baumwurzeln blieb unbemerkt von uns.
Zwischen all dem herum aber schwebte beständig das anmuthige Bildniss eines blondlockigen Kindes. Natürlich sehnte ich oft die bekannte Feuersbrunst herbei mit nachfolgendem Tode zu den Füßen der geretteten Geliebten. Meist jedoch war ich nicht so rücksichtslos gegen mich selbst, sondern begnügte mich mit dem Wunsch, daß ich zauberhaft fliegen und hupfen könnte, hoch in der Luft, von einem Baum zum andern, und daß sie es mit ansähe und wäre starr vor Bewunderung.
Von meinem Onkel, der äußerst milde war, erhielt ich nur ein einzig Mal Hiebe, mit einem trockenen Georginenstängel, weil ich den Dorftroddel geneckt hatte. Dem war die Pfeife voll Kuhhaare gestopft und dienstbeflissen angezündet. Er rauchte sie aus, bis auf's letzte Härchen, mit dem Ausdruck der seligsten Zufriedenheit. Also der Erfolg war unerwünscht für mich in zwiefacher Hinsicht. Es macht nichts. Ein Troddel bleibt immer eine schmeichelhafte Erinnerung.
Gern gedenk ich auch des kleinen alten Bettelvogts, welcher derzeit _dat baddelspeit_ trug, den kurzen Spiess, als Zeichen seines mächtigen Amtes. Zu warmer Sommerzeit hielt er sein Mittagschläfchen im Grase. Er konnte bemerkenswerth schnarchen. Zog er die Luft ein, so machte er den Mund weit auf und es ging: Krah! Stiess er sie aus, so machte er den Mund ganz spitz, und es ging: Püh! wie ein sanfter Flötenton. Einst fanden wir ihn tot unter dem berühmtesten Birnbaume des Dorfes; Speer im Arm; Mund offen; so daß man sah: Krah! war sein letzter Laut gewesen. Um ihn her lagen die goldigsten Sommerbirnen; aber für diesmal mochten wir keine.
Etwa ums Jahr 45 bezogen wir die Pfarre zu Lüethorst.
Unter meinem Fenster murmelte der Bach. Gegenüber stand ein Haus, eine Schaubühne des ehelichen Zwistes. Das Stück fing an hinter der Scene, spielte weiter auf dem Flur und schloß im Freien. Sie stand oben vor der Thür und schwang triumphirend den Reiserbesen; er stand unten im Bach und streckte die Zunge heraus; und so hatte er auch seinen Triumph.
In den Stundenplan schlich sich nun auch die Metrik ein. Dichter, heimische und fremde, wurden gelesen. Zugleich fiel mir die "Kritik der reinen Vernunft" in die Hände, die wenn auch damals nur spärlich durchschaut, doch eine Neigung erweckte, in der Gehirnkammer Mäuse zu fangen, wo es nur gar zu viel Schlupflöcher giebt.
Sechzehn Jahre alt, ausgerüstet mit einem Sonnett und einer ungefähren Kenntniß der vier Grundrechnungsarten, erhielt ich Einlaß zur polytechnischen Schule in Hannover.