In den Spinnstuben sangen die Mädchen, was ihre Mütter und Großmütter gesungen. Während der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf der weiten Haustenne; unter der Stalllaterne; nach dem Liede:
maren will mi hawern meihn,
wer schall den wol binnen?
dat schall (meiers dortchen) don,
de will eck wol finnen.
Von Wiedensahl aus besucht ich auf längere Zeit den Onkel in Lüethorst. Ein Liebhabertheater im benachbarten Städtchen zog mich in den angenehmen Kreis seiner Thätigkeit; aber mehr noch fesselte mich das wundersame Leben des Bienenvolkes und der damals wogende Kampf um die Partenogenesis, den mein Onkel als gewandter Schriftsteller und Beobachter entscheidend mit durchfocht. Der Wunsch und Plan, nach Brasilien auszuwandern, dem Eldorado der Imker, hat sich nicht verwirklichen sollen. Die Annahme, daß ich praktischer Bienenzüchter geworden sei, ist freundlicher Irrthum.
Auch zog mich es unwiderstehlich abseits in das Reich der Naturwissenschaften. Ich las Darwin, ich las Schopenhauer damals mit Leidenschaft. Doch so Was läßt nach mit der Zeit. Ihre Schlüssel passen ja zu vielen Thüren in dem verwunschenen Schlosse dieser Welt; aber kein "hiesiger" Schlüssel, so scheints, und wärs der Asketenschlüssel, paßt jemals zur Ausgangsthür.
Von Lüethorst ging ich nach München. Indeß in der damaligen akademischen Strömung kam mein flämisches Schifflein, das wohl auch schlecht gesteuert war, nicht recht zum Schwimmen.
Um so angenehmer war es im Künstlerverein, wo man sang und trank und sich nebenbei karikirend zu necken pflegte. Auch ich war solchen persönlichen Späßen nicht abgeneigt. Man ist ein Mensch und erfrischt und erbaut sich gerne an den kleinen Verdrießlichkeiten und Dummheiten anderer Leute. Selbst über sich selber kann man lachen mitunter, und das ist ein Extrapläsir, denn dann kommt man sich sogar noch klüger und gedockener vor als man selbst.
Lachen ist ein Ausdruck relativer Behaglichkeit. Der Franzl hinterm Ofen freut sich der Wärme um so mehr, wenn er sieht, wie sich draußen der Hansel in die röthlichen Hände pustet. Zum Gebrauch in der Oeffentlichkeit habe ich jedoch nur Phantasiehanseln genommen. Man kann sie auch besser herrichten nach Bedarf und sie eher sagen und thun lassen, was man will. Gut schien mir oft der Trochäus für biederes Reden; stets praktisch der Holzschnittstrich für stilvoll heitere Gestalten. So ein Contourwesen macht sich leicht frei von dem Gesetze der Schwere und kann, besonders wenn es nicht schön ist, viel aushalten, eh es uns weh thut. Man sieht die Sache an und schwebt derweil in behaglichem Selbstgefühl über den Leiden der Welt, ja über dem Künstler, der gar so naiv ist.
Auch das Gebirg, das noch nie gesehene, wurde für längere Zeit aufgesucht. An einem Spätnachmittag kam ich zu Fuß vor dem Dörfchen an, wo ich zu bleiben gedachte. Gleich das erste Häuschen mit dem Plätscherbrunnen und dem Zaun von Kürbis durchflochten sah verlockend idyllisch aus. Feldstuhl und Skizzenbuch wurden aufgeklappt. Auf der Schwelle saß ein steinaltes Mütterlein und schlief, das Kätzchen daneben. Plötzlich, aus dem Hintergrunde des Hauses, kam eine jüngere Frau, faßte die Alte bei den Haaren und schleifte sie auf den Kehrichthaufen. Dabei quäkte die Alte wie ein Huhn, das geschlachtet werden soll. Feldstuhl und Skizzenbuch wurden zugeklappt. Mit diesem Rippenstoße führte mich das neckische Schicksal zu den trefflichen Bauersleuten und in die herrliche Gegend, von denen ich nur ungern wieder Abschied nahm.
Es kann 59 gewesen sein, als zuerst in den "Fliegenden" eine Zeichnung mit Text von mir gedruckt wurde; zwei Männer, die aufs Eis gehen, wobei einer den Kopf verliert. Vielfach, wie's die Noth gebot, illustrirte ich dann neben eigenen auch fremde Texte. Bald aber meint ich, ich müßte alles halt selber machen. Die Situationen geriethen in Fluß und gruppirten sich zu kleinen Bildergeschichten, denen größere gefolgt sind. Fast alle habe ich, ohne Wem was zu sagen, in Wiedensahl verfertigt. Dann hab ich sie laufen lassen auf den Markt, und da sind sie herumgesprungen, wie Buben thun, ohne viel Rücksicht zu nehmen auf gar zu empfindliche Hühneraugen, wohingegen man aber auch wohl annehmen darf, daß sie nicht gar zu empfindlich sind, wenn sie mal Schelte kriegen.
Man hat den Autor für einen Bücherwurm und Absonderling gehalten. Das erste mit Unrecht.