DRITTES KAPITEL.

Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)

Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich; ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.

Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden, eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen; aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas. Jeder von uns gesteht," sagte er, daß er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis zu prägen."

Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an: Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte. Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er vorüberging.—Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata."

Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten; Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.

Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, ich habe sie jetzt soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."

Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. Noch nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt," sagte ich; aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas…."

Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust anfassend, harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er leiser, daß alles bei diesem feinen—Herrn berechneter Plan ist? O, ich kenne meine Leute!"