Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer, Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes, zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«
»Er selbst,« antwortete der Sohn.
»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«
»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken; er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister, statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen Verhältnisses unvermeidlich wäre.
»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken. »Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu. Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse führst. Der Expeditionsrat ist – eine Falle, die er uns beiden legen wollte, der kluge Fuchs.«
»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme.
»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen, auch mein Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist, nämlich – sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter, so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater, Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn – Expeditionsrat; gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich – sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der Besseren zu erhalten, und du – wirst und bleibst Expeditionsrat; ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die Menschen erkennen dann deine Unschuld.«
»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »Ihr Ruf ist felsenfest, aber der meinige? Wie lange wird es noch anstehen, bis die Verhältnisse sich ändern!«
»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es könne immer so fortgehen? – Glaube mir, ehe der Frühling ins Land kommt, muß es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!«