8.
Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte. Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit, die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen haben sollte, glaublich finden.
»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.«
»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte; »wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.«
»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,« antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur, um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder, nur jetzt keinen übereilten Streich!«
»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.«
»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten Hitze.«
»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden, ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch – nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen insgeheim, entläßt ihn dann und befiehlt dem Kapitän noch einmal, keinen Rapport abzustatten und – nimmt ihm das Ehrenwort ab – er einem Offizier auf der Wache – nimmt ihm das Wort ab, den Namen des Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert, daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«