Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!«
Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen. Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf. »Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß er mich verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber über dir soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden! Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.«
»Das werdet Ihr nicht tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend, aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken ließ.
»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum; ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?«
»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und halb zu ahnen.«
»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten, denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist. Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die Regierung des Ländchens, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.«
»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg! Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe, dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber nous verrons! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter, durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark aussaugt –«
»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen. Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag völlig aufzuheben.«
»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände edelmütig zu schenken und allein zu regieren.«
»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«