»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«
»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er ähnliche Schreiben erlassen.«
»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.
»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe und die Kanzel besteige – katholisch wollen sie uns machen. Du staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.«
»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit einem Schlag umstürzen? Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.«
»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen. Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.«
»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und zweifelhaft.
»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren, daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts übrig als –«
»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen, das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist, dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren Abgrund er und wir gestanden. Und dann – er ist ein tapferer Soldat und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher ihn jene Elenden verführen wollten.«
»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben, während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?«