Amor der Räuber.
(Nach dem Italienischen.)
Die Unschuld saß in grüner Laube,
Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;
Und Amor kam: Gib mir die Taube,
Ein Weilchen nur gib deine Taube!
Die Unschuld ließ sie lächelnd los,
Doch hielt sie Täubchen an dem Band,
Das sich um Täubchens Flügel wand.
Doch kaum hat er die weiße Taube,
So schneidet er den Faden ab;
Und höhnisch lachend, mit dem Raube
Entflieht der Räuber aus der Laube,
Und nimmer kehrt der lose Knab';
Und als ihr Täubchen nimmer kam,
Ward sie dem Räuber ewig gram.
Stille Liebe.
O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,
Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,
Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!
Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,
Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?
Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,
Der so entzückend ihrem Blick entquillt?
Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,
Als ich ihr gestern guten Abend bot,
Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,
Was machte sie auf einmal doch so rot?
Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,
So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;
Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen
Am Busen und am Sommerhütchen trägt.