Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung.

Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg, wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl ihm, eine wahre Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die pikante Geschichte von dem Mädchen vom Pont des Arts

Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur, um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.


21.

»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist, daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja ein Haus mit ihm bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte, die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch die Champs elysées über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein – es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des Flusses sehr kalt und schneidend – gingen wir auch vom Quai Malaquais über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender Anblick mich festhielt.

An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte, jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will.

Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der Vergessenheit übergeben.

Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein, rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ – ›Nur ein paar Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich wegziehen.