Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte: ›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich, ›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens, der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen zu geschehen pflegt?‹ – ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹ Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen, Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ – ›So kommen Sie,‹ erwiderte die Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es samt dem Teller unter dem Mantel.« –


22.

»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen, hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging. Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.«

Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen Mann nur einen Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen.

Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend, ›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ – ›Waren Sie schon öfter an jenem Ort?‹ – ›Wo?‹ fragte sie. – ›Auf der Brücke.‹ – ›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. – ›Dann haben Sie sich keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach, ich bin ja hier so unbekannt und – ich schämte mich, so ins Gedränge zu gehen.‹

Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so unbeschreiblich rührend macht.

›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile. ›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und – das konnte ich nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens!

Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, zarte Hand.