Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt. Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern. Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.

›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹

›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und lachend zogen sie weiter.

Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.

›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St. Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ – ›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.

Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten, dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen.

›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen, und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige, gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ – ›Und setzen Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.


23.

Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir, als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing, riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu gelten.