›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und wieviel Sie noch haben.‹

›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat.

›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹

›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹

›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig, drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte.

›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung, daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes; aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich verwundert, ›was darf nicht sein?‹

›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹

›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie kränken mich.‹

Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich sollte Sie beleidigen?‹

›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹