›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht sehen, daß ich doch eine Erinnerung an diesen Abend habe.‹
Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.
›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften, und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹
Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit, ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt: ›Dimanche à revoir!‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute Nacht!‹
24.
In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren, und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben, sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.
Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als Arbeitslohn anzunehmen.
Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen; doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn eigentlich ihre Verhältnisse seien.
Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen.