11.
Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht war beinahe schon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düster und trübe; es war dem Medizinalrat unheimlich zu Mut, als er zu dem einsamen Kranken hinanstieg. Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, das seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen und im Schlafe beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert im Bette. Es war ein großer, hagerer, ältlicher Mann, er hatte eine spitzig aufstehende, wollene Schlafmütze tief in die Stirne gezogen, seine enge Brust, seine langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze ragte eine große, spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht hervor, das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas Leben und einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen, dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken weit aus den Aermeln hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, er kratzte mit heiserem, wahnsinnigen Lachen auf der Bettdecke.
»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine Mensch und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren auf den Kranken. So, gerade so, hatte sich dieser den Chevalier de Planto gedacht, dieses tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden Züge, diese dürre, gespensterhafte Figur – es war hier alles, was die Sängerin von jenem schrecklichen Manne gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich selbst aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er diese Gedanken hinwegwischen, und trat an das Bett. – Doch noch nie hatte er in so langen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt – hier, es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer, den er umsonst abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück, als er die feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange umsonst nach einem Puls suchte.
»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, indem er bald Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes Deutsch untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen Doktor gebracht. Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer Kunst gehalten. Das einzige, was mich heilen kann, sind die Bäder von Genua; ich habe der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde bestellt; ich werde heute nacht noch abfahren.«
»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; »aber mit sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der selige Fiesco ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und Zähneklappern.«
Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte die Vorzeichen des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken zu lesen, selbst jene Sehnsucht zu reisen und hinaus ins Weite zu kommen, war schon oft der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er riet ihm daher, sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen kühlen Trank zu bereiten.
Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete er. »Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß sitzen, im Wagen muß ich sitzen, fort, weit fort! – Was sagt der kleine Mensch? Hat er die Pferde bestellt? Kleiner Hund, hast du mein Gepäck in Ordnung?«
»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er an sein Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, der Unmensch. Es ist nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gotteslästerliche Reden geführt hat.«