Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. »Fassen Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen die Kunst doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen eine Schußwunde wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« Murrend bequemte sich der Kranke dazu, er deutete auf seine Brust. Der Arzt nahm einen schlechtgemachten Verband weg, er fand – eine Stichwunde nahe am Herzen. – Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die Wunde der Sängerin.

»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor und sah den Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese Wunde?«

»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim Teufel! Ich hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine Treppe herab und habe mich ein wenig geritzt.«

»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an dieser Wunde sterben.«

Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; dieser führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien ihn zu erquicken; er war einige Momente still und ruhig; doch, als er sah, daß er einige Tropfen auf die Decke gegossen hatte, fing er an zu fluchen und verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, schloß auf und brachte ein Tuch heraus – der Doktor sah hin, eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf – er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe, derselbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden. Der kleine Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es zurück: »Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, Eau d'héliotrope darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche hervor und besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer – es war dasselbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an sich getragen.

Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, den Chevalier de Planto vor sich. Es war ein Hilfloser, ein Kranker, ein Sterbender, der hier im Bette saß, aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus dem Bette fahren und nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut, es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen.

Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. »Ach, Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei ihm allein lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt stürbe und dann sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze auf dem Schädel im Zimmer auf und ab spazierte! Um Gottes Barmherzigkeit willen, verlassen Sie mich nicht!«

Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte untereinander, er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu wollen, er streckte ein langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach dem Doktor. Doch dieser hielt es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien ihn anzustecken, er warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer; noch auf den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des Mörders.


12.