Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen vor dem Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine verschleierte Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen die Treppe hinan. »Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius Pfälle schon oben?« fragte der eine dieser Herren den Kellner, der sie hinaufführte. Dieser bejahte, und der Herr fuhr fort: »Und doch ist es eine sonderbare Fügung des Schicksals, daß er die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch in die Brust stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß gerade Sie, Lange, zu ihm beschieden werden!«
»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber nicht auch ein eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? Das eine mußte er bei mir liegen lassen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm ist.«
»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man kann nichts sagen, als es mußte so kommen. Aber in diesem Strudel hätte ich beinahe etwas vergessen; sagen Sie, was ist es denn mit dem Pascha von Janina? Signora mußte sich offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf freien Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«
»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich habe mich überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers ist, dem ich schon lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon hieher bringen lassen, er wird mit dem Mörder konfrontiert werden.«
»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«
»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß allerlei, wenn man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir sind oben, hier ist ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie die Güte, einstweilen hier auf 54 einzutreten; der Kapellmeister hat es erlaubt und wird Sie nicht hinauswerfen; dafür wollte ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt, werde ich Sie rufen.«
Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen die Sängerin, der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, um den Chevalier de Planto eines Mordversuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medizinalrat traten ein; der Kranke saß noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor in der Nacht gesehen; nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch krasser, der Ausdruck seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen, noch schauerlicher. Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit seelenlosen Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in seinem Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann mit roten Wangen und kleinen Aeuglein hatte sich einen Tisch zurecht gestellt, einen Stoß Papier vor sich hingelegt und hielt eine lange Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokollieren.
»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit schwacher Stimme dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich nehme keine Besuche an.«
Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und sagte mit Nachdruck: »Chevalier de Planto!«
»Qui vive?« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten an die Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.