»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam. ›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr als Brot essen.‹
»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen, wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund, strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um, und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine Beschwerden machte in der Hirnkammer.
»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief: ›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹ – ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund, verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹ Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus, wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen, obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.«
So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah. Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.
»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest? Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für Bedingnisse?«
»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.«
»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«
»Meine Seele.«
»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme Seele?«