»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne Hoffnung spräche.

»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren? Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele verlieren.«

»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude; darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«

»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,« sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«

»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am Ende, als daß Euch der Teufel geholt?«

»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in diesem Zimmer bei mir saß, – es war ein böses Ding mit ihm – der hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig, dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben sein?‹ – ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹ – ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten, die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ – ›Was nachher mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst einscharren.‹

»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied, sondern ein anderer.«

»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.

Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß – war der Teufel.«

Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten.