»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern Sie dies? Sind Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«
»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen Seitenblick auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe hätte ich das Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher zu machen; ich reiste vor einem Jahr in Ihre Heimat, und auf den Fall, daß mich meine Straße über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern versehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim selbst. – Aber habe ich zu viel gesagt, wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach? Finden Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge wünschen kann?«
»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; »wie verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite des Tales! Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und Felsenrissen, durch welche sich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf diese jäh abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits die sanften, wellenförmigen Rebhügel, mit bläulichroter Erde und dem sanften Grün des Weinstocks. Und diese Kontraste durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt, der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig, es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser grünen Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«
»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht in jedem Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und – seine Daphne zu entführen drohte! Aber waren Sie schon unten im Tal?«
»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne begleiten.«
Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen Seitenpfad ein, der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter ihm ging, bewunderte den schlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des jungen Mannes. Er war einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo er wohne; aber es lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem ganzen Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; Kinder und Alte, die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich; manche blieben wohl auch stehen und schauten ihm nach. Oft stand er stille und machte den Fremden auf jeden schönen Punkt aufmerksam, erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und ländlichen Festen.
Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie dem neuen Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab gesehen hatte. »Welch herrliches Gebäude!« rief er, »wie malerisch liegt es in diesen Weinbergen! Wem gehört dieses Schloß?«
»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich denke, Sie setzen mit mir über und versuchen den Wein, der auf diesen Hügeln wächst.«
Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; sie gingen ans Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ seinen Gast einsteigen und ruderte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf reinlichen, mit feinem Kies bestreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen sie dem Schloß zu, dessen einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter dem schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, stand er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht und hager, und etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein schwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune Gesichtsfarbe und eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung, gaben ihm etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch ehe er ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus diesem allem, daß es der General Willi sei, vor welchem er stand. Ihn selbst stellte der junge Willi als Vetter der Thierbergs und als seinen Reisegefährten vor.
Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete: »Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre Mutter kenne ich wohl, habe sie früher in der Residenz gesehen. Als wir nach Schlesien marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; ich blieb vier Wochen bei der Feldpost dort und ritt während dieser Zeit mehreremal nach Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu besuchen.«