»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, mehrere französische und deutsche Offiziere damals in unserem Haus gesehen zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr General, oder ich kann mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und schwarz, und einen großen grünen Busch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen Rappen.«

»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu ausgehalten bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte von der Brücke im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der Garde nannte man sie le diable noir. – Grüne Büsche, sagen Sie? – Richtig, ich diente damals unter den schwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott! Wie haben sich diese Leute bei Linz geschlagen!«

»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, den Gott verdamme, äußerte: Ces bougres là se battent comme nous?«

»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens Vandamme, doch – ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, der General Vandamme war verhaßt, besonders in der süddeutschen Armee; er wußte es auch recht gut; seine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«

Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des Hauses getreten; ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi sah es lächelnd an und sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«

»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine ernsten Züge ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von Rantow, man zieht oft die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre Eltern nachher wieder aufziehen. So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und doch ist es ein guter Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige gute öfter zu lesen.«

»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, welches Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot es ihm schweigend.

»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug des Grafen Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man immer wieder lesen, besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand kennen gelernt hat.«

»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie nicht aus Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann. Aber ich kann Ihnen versichern, in diesem Buch ist so furchtbare Wahrheit, so traurige Gewißheit, daß man das wenige, was Dichtung ist, darüber vergessen kann. Die Figuren in diesem Gemälde leben, man sieht ihren schwankenden Marsch über die Eisfelder, man sieht brave Kameraden im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene große, kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter diesen Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn ich habe ihr Glück und – ihr Unglück geteilt.«