Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese Frage, und diese Röte konnte ebensogut der Frage als dem Gegenstand gelten, den er berührte. »Wie kommst du auf diesen Einfall, Vetter?« erwiderte sie. »Und meinst du denn, wenn ich auch das Unglück haben sollte, diesen Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde etwa dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische Leute in Preußen!«

»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, hochedle und gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, dein langes und, wie es schien, interessantes Gespräch mit ihm sollte mir nicht aufgefallen sein? Meinst du, ich glaube, ihr habt nur von Versen gesprochen?«

»Wenn ich nun sagte, wir haben nur von Versen gesprochen,« entgegnete sie eifrig, »so müßtest du es doch glauben. Leuten, die gerne Arges denken, fällt alles auf. Diesmal übrigens hat sich dein Scharfsinn nicht betrogen; das übrige Gespräch drehte sich auch noch um etwas anderes als Verse, um ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«

»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger Miene. »Siehst du, also doch?«

»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, will ich dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du behilflich sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«

»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb nach Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten an meine Base zu machen? Da kennst du mich wahrhaftig schlecht; eher sage ich deinem Vater die ganze Geschichte, und ich glaube nicht, daß er sich einen solchen Tugendbündler, einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum Schwiegersohn wählen wird.«

Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen Ausbruch seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade und höre zuvor, um was man dich bitten wird,« sagte sie, und wie es schien, nicht ohne Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen würde.« Bestürzt wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General seinen Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein Geburtstag, der zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaisers fällt, und da will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem erfreuen. Er hat sich durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von David verschafft, das Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt. Es ist kein übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter dem Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich mehr für die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«

»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder freier atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.