»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, und zwar nicht bei Generals, sondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis am Vorabend des Geburtstages bleiben, und dann müssen wir beide dafür sorgen, daß der General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht zu Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt. Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt und bekränzt, und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück in den Salon tritt, ist es sein Held, der ihn an diesem feierlichen Tage zuerst begrüßt!«

»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn es nur nicht dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine Hilfe anbieten, doch – auch so werde ich mitspielen; hast ja du mich darum gebeten!« Sein Ton war so zärtlich, als er dies sagte, daß ihn Anna überrascht ansah. Er bemerkte es und fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog, fort: »Du kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht schon liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel um dich werben?«

In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten wie über eine Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens wechselte auf sonderbare Weise die Farbe ihres schönen Gesichtes mit Röte und Blässe. Sie zog ihren Arm schnell aus seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich dir sagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist als Empfindsamkeit und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren halten, die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen wollen.«

»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde ins Wort, »glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und ich –«

»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich nicht alles dem Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine Torheit anrufen soll! Das wäre dir wohl bequem,« fuhr sie gefaßter und lächelnd fort, »um deine Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen? Spiele ihn in Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich wirst du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht, daß ich die zweite Rolle darin übernehme.«

»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott? Ich meine es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten kann, ist nicht glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, glücklich sein könntest.«

»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich lieber als solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, und zum mindesten kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; begleite mich recht artig und wie es sich ziemt nach Hause. Aber sei überzeugt, wenn noch ein einziges Wort dieser Art über deine Lippen kommt, so beschäme ich dich vor dem nächsten besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir allein sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, mutig und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge und ihr lächelnder Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, und Rantow, den diese widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte sich zu schweigen, zu seufzen, mit Blicken zu sprechen und einen erneuerten Kampf auf einen glücklicheren Moment zu verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe knüpfte sie ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie, weniger verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, daß Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es sind wackere Leute, diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen Wohltaten zu verdanken. Es soll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten Kenntnissen des Generals geben, und den jungen habe ich selbst schon auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse hat und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges Bürschchen; aber, aber – diese verschrobenen, überspannten Ansichten. Ich glaube, er würde mich in meinem eigenen Hause anfallen, wollte ich sagen, daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man sie auch noch so frei von Lasten, noch so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen bei ihrem Leist bleiben und nicht an der erhabenen Figur des Staates künsteln und pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher, weil der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Basen und das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen Frau Mutter, spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«

»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem Grunde tut, kannst du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er stellt uns alle insgesamt etwas tief und die andern an unsere Seite, aber er ist ein Enthusiast und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die sich nie ausführen lassen.«

»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der Alte lächelnd. »Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen mögen heißen, wie sie wollen; aber was sagst du zu dem Vater, Neffe?«

»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich aussprechen, was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer Gesellschaft von Preußen sollte er einmal solch ein Wort sagen, ich glaube, man würde weder sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. Sein ganzes Gespräch ist ein Triumphgesang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch abgeschüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas solches nur denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich ihm sagen, wie sehr ich von Grund des Herzens seinen Kaiser und alle Franzosen hasse.«