»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr von Thierberg; »mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt wie die Hölle!«
»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.
»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt gut Französisch gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel vom Himmel. Leider war und blieb er nur ein Franzose.«
»Und wer ist denn dieser eine, den Sie so feierlich ausnehmen?« fragte Albert.
»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der Oheim fort; »doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes Stück. Ich machte im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit meiner seligen Frau. Ehe wir uns dessen versahen, brach der Krieg aus, und da wir vernahmen, daß Moreau gegen Deutschland ziehe, beschloß ich, meine Frau bei einer befreundeten Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto schneller reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte, teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, teils weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen Festung Bard kommandierte, teils der Neuheit der Gegend wegen die Straße über den großen Bernhard, der bald nachher durch den Uebergang des Konsuls Bonaparte so berühmt wurde. Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer Seite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen Armee, die ich hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen meinen Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht, den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns Rock und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben wollten sie auch meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche Stimme hinter uns Halt gebot.
Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme sinken, denn es war ein französischer Offizier, der hinter uns zu Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen, strenge Mannszucht. ›Wer sind Sie, mein Herr?‹ fragte er, nachdem er abgestiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine Verhältnisse und den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn durch und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe. Als ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid ihr Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten Oberrock, sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen Herrn und seinen Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, wohin ihr beordert seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient worden; ein junger Kerl wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen und bat mich mit Tränen im Auge, es zu erlauben. Solchen Gehorsam habe ich nie in der Reichsarmee gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem wir fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser ganze Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen werde. Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein tiefes Gespräch über die Zeitereignisse und namentlich über das Schicksal des Adels verwickelt. Ich stritt lebhaft für unsern alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt, und so artig als möglich wußte er meine besten Gründe zu widerlegen. Ich merkte wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein Ci-devant sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute wie der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, behauptete aber, daß der Adel überall von neuem geboren werden und nur aus kriegerischem Verdienst und Ruhm hervorgehen müsse.«
»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte man schon damals in jener Armee an das, was nachher jener sogenannte Kaiser wirklich ausführte? Das ist wunderbar!« – »Auch mir sind nachmals,« erzählte der alte Thierberg, »da Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf, oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich in einer Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die er erst nach langem Streit und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des Tacitus und eine von den bunten Federn auf seinem Hut, womit sich damals die republikanischen Offiziere schmückten. Die Bajonette des Regiments blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker begannen eben ihr ›Allons enfants‹, als er aufs Pferd stieg; er gab mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die Hand und unter dem ›Marchons, ça ira!‹ setzte er den Berg hinan. Noch heute steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann vor meinen Augen, wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind in seinem Mantel, in seinen Federn wehte, und er grüßend noch einmal sein geistreiches Gesicht nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich weiß heute noch nicht warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und solange ich die Musik hören konnte, sang ich das ›Allons enfants‹ und das ›Marchons, ça ira‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren Gedächtnis.«
»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der Alte nicht ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette Leute gab es zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute Disziplin war ungleich seltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Soldaten sehen.«
»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam und gespannt zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«
»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt standen sie vor dem Kapitän und schämten sich, und Augen hat er auf sie dargemacht wie der Lindwurm auf den Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon lange tot.«