Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht aus dem Tor entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach seinem Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erschrak vor einem fremden Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten:
»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N. und noch drei andere wurden heute früh verhaftet und nach der Festung geführt. Ich weiß nicht, ob du dich schuldig fühlst, aber vernünftig wäre es, wenn du dich auf die Beine machtest. In deiner Lage kann es nicht schaden. Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz; Gott gebe, daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei diskret und nenne mich nie.«
Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt Albert deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung einen Vorteil ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den jungen Willi zu retten. Aber fremd und unbekannt in dieser Gegend deuchte es ihm unmöglich, dies allein auszuführen. Er schickte schnell den alten Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, er ließ sie dringend bitten, ihm nur auf zwei Minuten in einer sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er folgte dem Alten bis an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem großen weiten Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder andern Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf seine Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch die Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten schienen lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren bleicher als sonst, und die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen Frau von Thierberg schien sich zu bewegen. Dazu rauschten die Bäume und murmelte der Fluß auf so eigene Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von den Gewändern der Verstorbenen aus.
In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiser schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge hing erwartungsvoll an der Türe, sein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine erfreuliche sein konnte.
Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er strengte sein Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner Base vernehme, die Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans und ihrem Mädchen, er sah ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß sie noch nicht geschlummert hatte. Noch ehe sie ihn fragen konnte, reichte er ihr schnell das Billet und sagte französisch in wenigen Worten, wie er es erhalten habe. Eine hohe Röte flammte über das schöne Gesicht, solange er sprach, sie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch kaum hatte sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie, sah ihn mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie sich an dem Tisch halten mußte.
»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, »und nur darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein Mittel angebest, wie ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domestiken nicht gerne Aufsehen erregen.«
»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie bebend seine Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell nach Neckareck.«
»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die Stellen nicht, wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief und reißend.«
»Führe mir des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte sie sich an den erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, ich will selbst hinüber!«
»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig ein. »Wie magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst mir den Weg zu einer Stelle zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.«