»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und sank auf einen Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. Führe ihn durchs Dorf hinab, Hans, mach' unsern Kahn los und schiffe den Vetter hinüber, du mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannst du dort sein. O Gott! ich habe es ja schon lange geahnt, daß es so kommen würde! Sag' ihm, er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber wissen als in einem Kerker!«

Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und winkte dem Alten, zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig gehalten, so schönen Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der Gedanke an die schöne, kummervolle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd gesehen hatte, spornte ihn zu immer schnelleren Schritten, und so mächtig ist in einem Herzen, das die Selbstsucht noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem entscheidenden Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in diesem Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen und nicht Annas Geliebten sah.

Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat den Gast, sich ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert diesem Gebote nicht völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr die Mitte des Neckars erreicht hatten, hörte man deutlich den Hufschlag von Pferden und das Rollen eines Wagens von der Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer näherte. Er richtete sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem unruhigen Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten Reitern begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« fragte er den alten Hans; »kann dies vielleicht ein Postwagen sein, der dort fährt?«

»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; »und um einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.«

»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?« fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät gekommen sein. »Spute dich, Alter!«

»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« sagte Hans; »doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, sie führt gerade auf das Schloß zu; ich will schon nachkommen.«

Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte mühsam hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief jener wieder schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er das Schloß mit seinen weißen Säulen durch die Nacht schimmern; es fiel ihm ängstlich auf, daß viele Fenster erleuchtet waren, und als er näher kam, sah er deutlich Menschen an den Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken dieser Nacht und die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte beinahe erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß an, aber er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem suchen, ehe er eintrat.

Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, war der Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des Generals, der jetzt mehr den Haushofmeister als den Diener spielte. Er schien bleicher als sonst und schlich trübselig die Treppe herab. »Wo ist Euer junger Herr?« rief Albert hastig, »führt mich schnell zu ihm.«

»Sacre bleu!« antwortete der Gardist erstaunt, als er den jungen Mann erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? O la pauvre enfant!«