»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt, das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu entscheiden – denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und sagen Sie mir, wer da der Größere war?«

»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen, nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?«

»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu, daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein großer Soldat, – aber kein großer Mensch.«

»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, ohne ein großer Mensch zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht, stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte; sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit lebendiger Hand, hauche sie an mit freiem Odem, und – sie zerfallen in Asche!«

»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.

»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen, alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude als ein Kartenhaus?«

»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden regiert hätte.«

»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow lächelnd.

»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe; es war nicht Strafe, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte ihn strafen? Es war – Furcht. So mußte es kommen, daß man in ihm noch immer den Gefürchteten sah; und manche Herzen, die sich von ihm abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das Unglück die Menschen zu versöhnen, und – es war ja nichts an seine Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«