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Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle: »Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub, lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit.
»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.«
»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen alle für einen, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten, in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn noch von Wien.«
»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen. Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall machen!«
»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er seinen Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder siegreich hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik ist in mir beleidigt, auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und diese Hermaphrodriten von Geschichte und Dichtung, diese Novellenprosaiker, diese Scott-Tieckianer, diese – genug, ich werde sie stürzen; und damit guten Morgen!«
Als dieser Rat nach seinem dixi mit vorgeschobenen Knieen aus dem Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein Ritter, der zum Turnier schreitet, der Professor aber und der Doktor Zundler folgten ihm in schweigender Majestät; sie schienen als seine Knappen oder Pagen Schild und Lanze dem neuen Orlando furioso nachzutragen.