»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen, 3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?«

»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?«

»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so niederschlagend?«

»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!«

Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns! Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch –‹«

»Ebendiese, nur zu!«

»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3 Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«

»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme. Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein, daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln, daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name, aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig, von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben.

»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben, ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«