»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.

»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher treten?«

»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte sich jener nicht ohne Verlegenheit.

Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber leisen Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des Zimmers nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er Rempen durch einen stummen Wink einlud, sich neben ihn zu setzen. Sie lauschten; es war die bekannte Melodie einer jener alten französischen Romanzen, die, indem sie durch ihren ungekünstelten Wohllaut dem Ohre schmeicheln, in mutigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutscher Text war untergelegt, Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar ergriffen schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre Zuhörer mit erfaßte.

Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der Sängerin wie von dem hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung und Neugierde sah er die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines Nachbars ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röte auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen Freude überraschtes Herz verrät.

Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt der Oheim Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem Neffen durch beredtes Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen Gesang aus, und als er nahe genug war, flüsterte er: »Heute singt sie wieder wie die Pasta, voll Glut, voll Glut; und der schöne Text, den sie untergelegt hat! – er ist aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«

Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille zu sein; der Alte schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und die beiden lauschten wieder ungestört, bis der Gesang geendet war.


5.

Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte sich um die Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, das ihn zu Elisen zog. Aber schon war sie von einem halben Dutzend jener Literatoren umlagert, die ihn immer verdrängten. »Welch herrliches Lied!« hörte er den Doktor Zundler sagen, »welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie zart gehalten!« Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat, der ebenfalls bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen schien, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete und fragte in befangener Verlegenheit, woher das Fräulein das schöne Lied habe?